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Interview mit Monica Bleibtreu "Ich halte es für ein Riesenglück, solche Rollen überhaupt zu bekommen." |
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Frage: Die
Pianistin Traude Krüger ist auf der einen Seite eine sehr
strenge Frau, auf der anderen sehr verletzlich. Mochten Sie Ihre
Figur?
Monica Bleibtreu: Ich mochte sie von Anfang an und empfand große Sympathie für diese so grauenhaft traumatisierte Frau, die eigentlich das Leben verweigert und emotional seit dem 20. Lebensjahr stehen geblieben ist, seit der Ermordung ihrer großen Liebe durch die Nazis. Sie leidet seitdem unter Schuldbewusstsein, weil sie ihre Freundin verleugnete. Sie hat alles verraten, ihre homosexuelle Neigung, die große Liebe und damit auch sich selbst. Das schlechte Gewissen lässt sie nicht mehr los. Mich hat die Annäherung zwischen den beiden Frauen gereizt. Die eine, die das Leben zerschlägt, die andere, die junge Jenny, die es verweigert. Im Grunde geht es darum, dass beide ein Stück bei sich selbst ankommen. Die Junge vielleicht mehr als die Ältere, aber die kann es zumindest akzeptieren. Sie verbietet der Kleinen erst, sie selbst zu sein, sie verbietet ihr, ihren eigenen Ausdruck zu finden und trotzdem erkennt sie zum Schluss, dass es darum geht, den eigenen Ton zu finden, seine eigene Musik. Und das schafft sie in den letzten Vier Minuten.
Monica Bleibtreu: Die ganze Geschichte von Selbstzerstörung und Selbstverwirklichung. Ich denke, alle Menschen treibt die Sehnsucht, sich zu finden und irgendwann bei sich anzukommen. Wir fangen an als wir selbst, ahnungslos. Dann deckeln - und fördern - uns Eltern, Schule und Gesellschaft, bis wir vergessen, wer wir überhaupt sind. Und dann landet man ? wenn man Glück hat und sich einigermaßen senkrecht durchs Leben geschlagen hat ? wieder am Ausgangspunkt, nicht mehr ganz so ahnungslos. Ein toller Kreislauf. Frage: Wie haben Sie als erfahrene Schauspielerin mit Hannah Herzsprung gearbeitet, die am Anfang ihrer Karriere steht? Gibt man da Ratschläge oder Tipps? Monica Bleibtreu: Das überlasse ich dem Regisseur, ich will niemandem ins Handwerk pfuschen. Wenn ich als Kollegin anfange, den anderen zu beurteilen, kann ich nicht mit ihm spielen. Ich sauge einfach auf wie ein Schwamm, was da kommt. Hannah Herzsprung halte ich für eine grandiose Begabung. Zwischen Hannah und mir passierte ein wirklicher Glücksfall, wir konnten problemlos im Spiel und auch privat aufeinander eingehen, eine Verständigung auf feinster Ebene. Frage: Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit mit Chris Kraus? Monica Bleibtreu: Einfach toll. Wir kannten uns vorher nicht, sind auch aneinander geraten und haben uns mit Lust gestritten. Aber selbst bei unter schiedlicher Meinung dominierte eine große Akzeptanz. Chris ist ein herrlich streitbarer Mensch, es irritiert ihn keineswegs, wenn man Dinge in Frage stellt. Andere Regisseure fühlen sich als Person in Frage gestellt, wenn ich eine Idee in Frage stelle. Das macht er nicht. Bei ihm geht es immer um die Sache. Das ist sehr selten und sehr schön. Dafür bin ich richtig dankbar. Frage: Fiel es Ihnen schwer, eine Rolle zu übernehmen, in der Sie viel älter wirken als Sie sind? Monica Bleibtreu: Ich spiele oft ältere Frauen, habe komischerweise sehr früh damit angefangen. Wenn ich in den Spiegel gucke, denke ich immer, ich sehe meine Mutter. Da ich die sehr gerne mochte, ist mir das kein Problem. Mein Aussehen und meine Ausstrahlung verdanke ich natürlich hier auch der wunderbaren Kamera von Judith Kaufmann, die hat mit den Runzeln wie ein Bratapfel und den Falten etwas Spezielles von mir erwischt. Nicht zu vergessen das aufwendige Make-up. In der Strenge liegt eine gewisse Schönheit. Traude Krüger hat ein schönes Gesicht, viel ausdrucksvoller als wenn man mich schminkt und auf schön trimmt. Ich schaue gerne alte Leute an. Frage: Bereitet Ihnen als Schauspielerin das Älterwerden ein Problem? Monica Bleibtreu: Ich galt in meiner Jugend erstaunlicherweise als hässlich, was mich ziemlich gequält hat. Dabei war ich ein hübsches Mädchen. Aber eine Frau, die sich nie über das Äußere definiert hat, leidet dann weniger unter dem Verlust von Schönheitsattributen. Schönheit ist relativ. In meinem Alter geht es auch nicht mehr um hübsch oder nicht. Frage: Was war die größte Herausforderung bei Vier Minuten? Monica Bleibtreu: Ich halte es für ein Riesenglück, solche Rollen überhaupt zu bekommen. Da bin ich einfach nur dankbar. Aber mich wundert es, wenn ich höre, Rollen wie in "Marias letzte Reise" oder Vier Minuten seien große Herausforderungen, das ist doch der Beruf. Viel schwieriger finde ich diese 08/15-Rollen spannend zu machen. Für eine Figur in einem banalen Kontext Interesse zu wecken, ist viel schwieriger, als wenn ich mich von einem Drehbuch wie bei Vier Minuten davontragen lassen kann. Frage: Sie sind auf der Bühne, im Fernsehen und im Film zu Hause. Gibt es da Vorlieben? Monica Bleibtreu: Das sind verschiedene Disziplinen innerhalb des Berufs. Auf sportlicher Ebene würde ich sagen, Theater ist Marathon und Film und Fernsehen ist Sprinten, von Null auf Hundertachtzig, was mich immer wieder neu begeistert. Am Theater liebe ich, dass ich mich nicht immer auf so kleine Ausschnitte beschränke, sondern den ganzen Abend Zeit habe, eine Figur zu entwickeln. Das macht mir großen Spaß. Frage: Seit einigen Jahren regnet es Filmpreise für Sie. Wie erklären Sie sich diese späte Anerkennung? Monica Bleibtreu: Theater ist natürlich nicht so populär wie Film. Seit vierzig Jahren stehe ich auf der Bühne und plötzlich tun viele so, als sei ich vom Himmel gefallen. Der erste Preisregen kam bei den ?Manns?, ich muss ihnen gestehen, ich habe viel kompliziertere Figuren als die Katja Mann gespielt und da hat kein Hahn danach gekräht wie großartig ich bin. Ich wollte immer eine gute Schauspielerin sein und gute Arbeit leisten, aber ich wollte keine öffentliche Person sein, das heißt, ich hatte Angst vor Erfolg, er war mir direkt unheimlich. Erst als mein Sohn Moritz mit ?Knockin` on Heaven`s door? den Senkrechtstart hatte und ich so richtig stolz auf ihn und seine Arbeit war, dachte ich mir, so schlimm ist es ja auch nicht mit dem Erfolg. Und in dem Moment hatte ich ihn. Ich denke, Erfolg muss man wollen oder zumindest zulassen. Ich habe das lange verweigert. |
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