Interview mit Mylène Jampanoi
"Ich bin noch nicht so erfahren und ich lerne alles, was mit Film zu tun hat."
Frage: Wie entstand der Kontakt zu Dai Sijie?

Mylène Jampanoi: Mein Agent schwärmte mir von dem Drehbuch vor, als ich gerade im Himalaja drehte. Er musste mich nicht überreden, dass ich Dai Sijie traf. Ich mochte den Film ?Balzac und die kleine chinesische Schneiderin? und hatte auch den Roman ?Le complexe de Di? (Muo und der Pirol im Käfig) gelesen.

Frage: Was war Ihr erster Eindruck vom Drehbuch?

Mylène Jampanoi: Ein poetisches, gewalttätiges und gleichzeitig sehr diskret behandeltes Thema, ein außerordentlich gut geschriebenes und konstruiertes Drehbuch. Vor meinen Augen habe ich sofort die Figur gesehen, die mir Sijie anvertraute. Es blieb mir nichts anderes mehr übrig, als ihn zu überzeugen, dass ich die Richtige für diese Rolle war.

Frage: Li Ming ist eine Chinesin. Und Sie?

Mylène Jampanoi: Meine Mutter ist Französin, mein Vater Chinese. Ich habe eine ?kleine asiatische Seite?, aber ein großes Handicap ? nämlich grün-graue Augen, nicht gerade typisch für China.

Außerdem bin ich mit der französischen Sprache aufgewachsen, selbst wenn ich noch vage Erinnerungen daran habe, in meiner frühen Kindheit mal Mandarin ?gelernt? zu haben, beherrsche ich diese Sprache nicht wirklich.

Kurz, die Schwierigkeit lag darin, dass Sijie eine Chinesin suchte, die ich eben nicht war.

Frage: Wie verlief Ihr erstes Treffen mit Dai Sijie?

Mylène Jampanoi: Produzentin Lise Fayolle bat mich, Dai Sijie in Peking zu treffen. Drei Tage für ein Casting in China, das ist schon ziemlich irreal. Außerdem bestand Lise, die mich unbedingt für diese Rolle besetzen wollte, auf braunen Kontaktlinsen, damit Sijie sicher sein konnte, dass ich als Chinesin durchgehe.

Ich habe also Mitte Dezember das Flugzeug nach Peking genommen, wo eine sibirische Kälte herrschte. Irgendwie war für mich China immer ein exotisches Land und ich erwartete eine sommerliche Temperatur. Mit meinen Jeans, meinem T-Shirt und der kleinen Pariser Jacke fror ich erbärmlich.

Sobald ich im Hotel eingecheckt war, kaufte mir Lise eine Daunenjacke und Fellstiefel. Während dessen habe ich mir überlegt, dass ich mich Sijie so präsentiere, wie ich bin, und habe kurz entschlossen die Kontaktlinsen in den Mülleimer geworfen. Nach allem, was ich von ihm wusste, ist er auch ein Regisseur, der es nicht mag, wenn jemand mit falschen Karten spielt oder ?so tut als ob?.

Frage: Wie ging es dann weiter, konnten Sie vorsprechen?

Mylène Jampanoi: Ich durfte ihm eine Kostprobe meines Könnens geben mit dem Schauspieler, der im Film meinen Mann spielt. Eine sehr gewalttätige Szene, bei der ich lernte, wie sich Chinesisch anhören kann. Ich war schon ein wenig ängstlich ...

Frage: Was brachte Dai Sijie dazu, Ihnen letztendlich die Rolle zu geben?

Mylène Jampanoi: Das müssen Sie ihn fragen. Ich bin nach Paris zurückgeflogen und wusste, diesen Part will ich spielen, aber mir waren auch meine Schwachpunkte klar.

Nach einigen Tagen zwischen Bangen und Hoffen rief mich Lise an und sagte, ich hätte die Rolle, dass ich ohne Kontaktlinsen spielen könnte und Sijie die Identität der Figur so ändern würde, dass sie zu meiner Augenfarbe passt. Er gab Li dann eine russische Mutter und einen chinesischen Vater, die in einem Erdbeben starben. Und das alles funktionierte wunderbar.

Frage: Wie verlief die Arbeit am Set?

Mylène Jampanoi: Von meinen Ungeschicklichkeiten abgesehen, die daraus resultierten, dass ich keine Ahnung von China oder Vietnam hatte und auch wenig über die Mentalität und die Psychologie der Chinesen wusste, habe ich mich relativ schnell eingefügt und der Sache verschrieben.

Die Rolle selbst war schwierig. Ich musste erst einmal lernen, mich in eine Chinesin hineinzufinden ? relativ leise zu sprechen, sehr zurückhaltend, ja sogar demütig. Beim Gehen musste ich versuchen, den Körper nicht nach vorne zu halten und in kleinen Schritten zu trippeln.

Einige Szenen mussten in Chinesisch gedreht werden, ich habe also die Nächte damit verbracht, mutterseelenallein die Texte quasi in Lautschrift zu lernen. Ich habe mir dabei vorgestellt, diese Lautsprache in Verbindung mit den Chansons zu bringen, die ich mag, der chinesische Text ersetzte so die Originaltexte.

Und da habe ich verstanden, dass es Dai Sijie vor allem auf die Emotionen ankam, die Stimmigkeit der Gefühle. Er zog es vor, dass ich mich auf die Figur konzentrierte, selbst wenn dass manchmal zu Lasten der Technik ging. Ich habe die Li Ming drei Monate lang richtig gelebt.

Am Ende war sie es, die schlief, sich die Zähne putzte, die lachte oder weinte. Ich bin tief in diese Persönlichkeit eingetaucht. Man kommt nicht unverletzt aus so einer Rolle heraus.

Frage: Wie war die Beziehung zu den anderen Schauspielern?

Mylène Jampanoi: Wir machten den gleichen Film und wir verstanden uns oft anders als durch die Sprache. Dongfu Lin spricht etwas Englisch und wir konnten uns austauschen. Li Xiaoran und ich kommunizierten auf andere Weise. Unsere Rollen verlangten eine Intimität und Komplizenschaft, die sich nicht unbedingt durch die Sprache definierte.

Wir hatten aber auch keine andere Wahl und waren beide etwas hilflos. Dreharbeiten in Vietnam in einer Sprache, die ich nicht unbedingt beherrsche, da kann ich mir schon ihre Schwierigkeiten vorstellen. Sie ist ein Star in ihrem Land und kennt das chinesische Kino.

Sich diesen Bedingungen anzupassen, in einer völlig anderen Art als gewohnt zu arbeiten, muss schon eine ziemliche Erfahrung für sie gewesen sein.

Weder sie noch ich hatten feste Bezugspunkte, wir halfen uns gegenseitig ohne große Worte. Kommunikation und Verständnis konnten nur über das Gefühl laufen. Das Ganze war ein fließender Prozess und wenn er mal stockte, half uns Dai Sijie, uns wieder zu finden.

Frage: Was ist Ihre schönste Erinnerung an die Zusammenarbeit mit Dai Sijie?

Mylène Jampanoi: Es funktionierte so gut, weil er den Schauspielern gegenüber großen Respekt zeigt ? das kommt sicherlich aus seiner Kultur ?, eine Geduld und eine unendliche Genauigkeit. Ich habe ihn nicht einmal am Set herumschreien hören. Er lauscht allen Vorschlägen aufmerksam, selbst wenn sie nicht seinen Vorstellungen entsprechen.

Frage: Was haben Sie von diesem Film gelernt?

Mylène Jampanoi: Ich lerne immer, von Film zu Film! Ich bin noch nicht so erfahren und ich lerne alles, was mit Film überhaupt zu tun hat. Lustigerweise habe ich gerade in zwei Filmen unter asiatischer Regie mitgewirkt, die Arbeitsweise der Filmemacher unterschied sich jedoch. Es gibt ein ?vor? und ein ?nach? diesen Filmen ...

Mylène Jampanoi. Foto: Universum Film

Mylène Jampanoi spielt in Die Töchter des chinesischen Gärtners die Hauptrolle der Li Ming. Der Film kommt am 28. Juni 2007 in die deutschen Kinos.

Die 24jährige Mylène Jampanoi machte sich einen Namen durch ihren Auftritt in ?Die purpurnen Flüsse 2 ? Die Engel der Apokalypse? unter der Regie von Olivier Dahan (2004) und in Olivier Marchals ?36 - Tödliche Rivalen? (2004).

Schon 1996 wirkte sie in der TV-Serie ?Sous le soleil? (St. Tropez) mit. Nach ?Cavalcade? (2005) von Steve Suissa spielte sie in Pan Nalins drittem Spielfilm ?Valley of Flowers? mit. Für die Rolle der Li Ming wurde sie in Frankreich gefeiert und zählt dort zu den kommenden Stars.

Filmplakat

Feature zu Die Töchter des chinesischen Gärtners:

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Quelle: Universum Film © 1994 - 2011 Dirk Jasper • Diese Seite drucken: Seite drucken