Interview mit Natalie Scharf
"Die Vorreiterin einer modernen Frauengeneration, die sich nicht alles bieten lässt."
Frage: Frau Scharf, Ihr Roman beruht auf historischen Tatsachen. Was für ein Mensch war Sophie von Bayern? Welche Elemente ihres Lebens haben Sie im Roman realitätsgetreu dargestellt?

Natalie Scharf: Oftmals wurden die Töchter von Herzog Max als depressiv und gestört bezeichnet. Meiner Meinung nach wurden sie lediglich im falschen Jahrhundert geboren. Der freiheitsliebende Vater lebte seinen Töchtern ein Leben vor, das nichts mit den damaligen Gepflogenheiten eines 'normalen' Adligen gemein hatte.

Herzog Max war überaus demokratisch, studierte in Landshut sogar mit bürgerlichen Kommilitonen. Er zog den Umgang mit dem Volk seinen aristokratischen Verwandten und Bekannten vor, weil die alle so 'herrlich normal' waren, wie er selbst immer wieder betonte.

Dass die temperamentvollen Töcher in seine Fußstapfen treten wollten, verwundert nicht weiter. Niemals wurde bislang von den eigenartigen Söhnen des Herzogs gesprochen. Ich denke, das rührt daher, dass es sich damals für eine Frau einfach nicht ziemte, aufzumucken.

Frage: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, für Ihren Roman nicht nur einen historischen Hintergrund, sondern auch reale Personen aus der damaligen Zeit zu wählen?

Natalie Scharf: Mich hat an der Figur Sophie einfach fasziniert, dass sie sich im Gegensatz zu ihren anderen Schwestern überhaupt nicht beugen wollte. Sie zog der verhassten Ehe sogar ein paar Monate Irrenanstalt vor. Die Vorreiterin einer modernen Frauengeneration, die sich nicht mehr alles bieten lässt. Ihr Leben ist so unglaublich, wie man es sich in einem fiktiven Film oder Buch auch nicht besser ausdenken kann.

Frage: Über den Bayernkönig Ludwig II. gibt es sicherlich sehr viel Literatur. Aber ist das Leben und die Persönlichkeit seiner Frau Sophie ebenso ausführlich erforscht worden? Wie sind Sie bei Ihren Recherchen vorgegangen?

Natalie Scharf: Über Sophie wurde in der Tat bislang sehr wenig geschrieben. Das bedeutete für mich, dass die Recherchen weitaus mehr Zeit in Anspruch nahmen, als wenn ich einen Film oder ein Buch über Ludwig realisiert hätte.

Ich sprach mit Leuten, die sich sehr mit den Wittelsbachern beschäftigt hatten, suchte mir die kleinen Passagen über Sophie, die auch in den Biographien ihrer bekannteren Verwandtschaft immer wieder vorkamen, heraus und griff zum Teil auch auf die Briefe zurück, die Sophie ihrem geliebten Edgar geschrieben hatte, und die vor einigen Jahren veröffentlicht wurden.

Frage: "Sisis kleine Schwester" ist Ihr erster Roman, vorher haben Sie vor allem Jugend- und Drehbücher geschrieben. Was hat Sie bewogen, nun ein neues literarisches Terrain zu betreten?

Natalie Scharf: Ich schrieb zuerst das Drehbuch für einen Zweiteiler. Obgleich wir ein sehr hohes Budget hatten, kann man sich als Autor leider trotz allem nicht in Ideen austoben, weil viele Dinge aus Kostengründen einfach nicht realisierbar sind.

Bei einem Roman ist das anders. Hier sind der Phantasie keine Grenzen gesetzt, das hat mich gereizt. Ich denke, dass ich dies auch eines Tages noch einmal wiederholen möchte.

Natalie Scharf. Foto: Ullstein

Natalie Scharf wurde 1966 in Wasserburg (GoogleMaps) geboren. Sie verfasste zwei mehrfach ausgezeichnete Jugendromane, seitdem ist sie erfolgreich als Drehbuchautorin tätig. Sisis kleine Schwester ist ihr erster Roman.

Natalie Scharf lebt in München (GoogleMaps).

Natalie Scharf: Sisis kleine Schwester

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Quelle: Ullstein © 1994 - 2011 Dirk Jasper • Diese Seite drucken: Seite drucken