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Interview mit Nicole Metzger "Musikalisch geht es rein demokratisch zu. Jazz ist die pure Demokratie!" |
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Frage: Die
Sängerinnenkarriere scheint dir ja fast in die Wiege gelegt:
mit neun Jahren Gitarrenunterricht, mit 15 bereits
Leadsängerin verschiedener Bands ...
Nicole Metzger: ... und mit vier Jahren wollte ich Berufssängerin werden (lacht). Ich bin mit Soul-, Pop- und Bluesmusik aufgewachsen. Zuhause hörten meine Eltern Ike & Tina Turner, Ray Charles,Otis Redding, Aretha Franklin, Stevie Wonder und The Temptations, um nur einige zu nennen.
In der Schule sang ich in Chören und war so laut rauszuhören, dass ich die Solopartien bekam (lacht). Mein Musiklehrer am Gymnasium ließ mich solo mit Gitarre auftreten und als Sängerin seiner Schul-Big Band. Dann fragten mich ältere Mitschüler, ob ich in ihre Band einsteigen wolle. Das Repertoire bestand aus Gospelsongs. Wir nahmen sogar eine Schallplatte auf. Zwei Jahre später, da war ich 15, formierte sich auch über die Schule meine erste Jazzband mit Frank Schäffer am Piano und dem Trompeter Ralph ?Mosch" Himmler. Beide studierten später in Hilversum Jazz und sind ebenfalls Berufsmusiker geworden. Mit dieser Band probten wir sehr intensiv und hatten viele Auftritte. Ich erlebte schon damals, was mir bis heute wichtig ist: gute musikalische Kommunikation setzt gute menschliche Kommunikation voraus. Die wichtigste Begegnung für mich war im Alter von 15 Jahren mit der Gesangslehrerein Brigitta Seidler-Winkler, die direkt von der Bühne kam. Sie war Vorbild für mich, mit ihr konnte ich meine Leidenschaft für die Musik und das Singen teilen. Sie lenkte mich in professionelle Bahnen, bestätigte mich in meinem Berufswunsch und besänftigte meine Eltern, die von meiner Berufswahl überhaupt nichts hielten. Sie bildete mich zur Sängerin, später auch zur Gesangslehrerin aus, und bis heute verbindet uns eine tiefe Freundschaft. Statt Jazz zu studieren, entschied ich mich 1988 mit dem Musicalstudium in Frankfurt für eine Allroundausbildung mit Tanz und Schauspiel und spielte weiter mit Jazzbands. Nach dem Studiumsabschluss 1993 bin ich an Musicalbühnen, bei den Hanauer Märchenfestspielen sowie Revuen aufgetreten und habe parallel immer mit Jazzmusikern zusammengearbeitet. Frage: In den Liner Notes von "Second Take" machst du aus deinen Emotionen keinen Hehl: das Album ist dir neben der künstlerischen Bedeutung eine Herzensangelegenheit. Nicole Metzger: Ich kann das sowieso nicht trennen. Künstlerische Bedeutung und Herzblut gehören für mich immer zusammen. Die Geschichte zu ?Second Take" ist folgende: Rudi Engel, Wesley G. und Jean-Yves Jung haben mich bereits als fantastische Musiker in verschiedenen Formationen auf der Bühne und als persönliche Freunde durchs Leben begleitet. 2005 lud ich Keith Copeland zu einem ersten gemeinsamen Auftritt im ?Frankfurter Jazzkeller" ein. Wir alle hatten sofort den Wunsch, weiterhin miteinander Musik zu machen und gemeinsam eine feste Band zu gründen. Es entstand ?NM5". Etwa zwei Wochen später erlitt Keith einen Schlaganfall und die Ärzte eröffneten ihm, dass er wahrscheinlich nie wieder Schlagzeug spielen könne. Unsere Pläne schienen zerstört. Dass er nach seiner schweren Krankheit wieder genesen ist, grenzt für uns alle an ein Wunder und deshalb ist die Verwirklichung dieser CD etwas ganz Wunderbares! Frage: Deshalb auch der Albumtitel "Second Take"? Nicole Metzger: Wir haben uns im Studio beim Aufnehmen der CD immer alle einheitlich für die zweite Einspielung eines Songs, den ?Second Take" entschieden. ?Second Take" meint im Englischen aber auch ?zweite Chance", was für Keith Copeland nach seiner Genesung eine besondere Bedeutung hat. Frage: Die Band nennt sich NM 5, du bist die Chefin im Ring. Wie lief die Rollenverteilung zwischen dir, Keith Copeland, Wesley G, Jean-Yves-Jung und Rudi Engel, angefangen von der Songauswahl bis hin zu den Arrangements? Nicole Metzger: ?Chefin" zu sein, bedeutet zunächst, dass ich Arbeitgeberin bin, also die Jobs ?ranschaffen" muss und alles organisiere und koordiniere. Musikalisch geht es rein demokratisch zu. Jazz ist die pure Demokratie! Jeder bringt sich mit seinem einzigartigen musikalischen Ausdruck und seiner Persönlichkeit ein, nimmt gleichzeitig im Musizieren die anderen auf, so dass sich ein ständiges Geben und Nehmen ergibt. Keiner ist austauschbar. Sobald ein neuer Musiker dazu kommt, entsteht eine neue Musik. Unsere Arrangements entwickeln wir zusammen, Jean-Yves und Wesley reharmonisieren die Songs, das heißt sie verwenden andere Harmonien im Song, als im Original vorgesehen. So hat Jean-Yves zum Beispiel eine wunderschöne neue Version von ?Smile" geschaffen. Ich suche vor Beginn unseres Wirkens immer die Songs aus. Da ich nur Texte singe, die etwas mit mir zu tun haben, muss ich die Auswahl treffen. Wenn aber einem der Musiker ein bestimmter Song nicht gefällt, fliegt er wieder aus dem Repertoire heraus. Frage: Du bist bislang in vielen Formationen vom Duoprojekt mit Wesley G., über die New York Connection (mit Joe Fonda, Michael J. Stevens, Harvey Sorgen), Witchcraft, bis hin zu Kicks'n Sticks aktiv und hast bis 2004 zehn Jahre das Nicole Metzger Jazzquartett geführt. Was macht für dich den Reiz der unterschiedlichen Bands und Projekte aus? Und anders herum gefragt: Würdest du dir wieder mehr Konzentration auf eine Band wünschen? Nicole Metzger: Durch die CD hat NM5 im Moment absolute Priorität, und das genieße ich sehr. Um die Frage genau zu beantworten, möchte ich mich wieder auf die Stichworte ?Kommunikation" und ?Facettenreichtum" beziehen. Ich liebe es, mit Menschen unterschiedlichster Herkunft und Kultur zu kommunizieren. Das bringt viele Facetten in mein Leben. Genauso geht es mir mit unterschiedlichen Bandprojekten. Mich interessiert die Bandbreite. In einem Duo setze ich meine Stimme ganz anders ein als in einem Quintett oder gar einer Big Band. Das fordert mich als Sängerin heraus. Frage: Euer Album wird bei Rodenstein Records in Mannheim veröffentlicht, dem Label der Musiker Thomas Siffling und Olaf Schönborn, die auch das Label JAZZ'n'ARTS verantworten. Ist es ein Vorteil oder Nachteil, wenn die Labelchefs zugleich Musiker sind? Nicole Metzger: Es ist von riesigem Vorteil, da die beiden die Belange der Musiker am besten kennen und verstehen. Sie sind als Labelchefs absolute Idealisten und leisten für uns Künstler Großartiges. Über die Jahre haben sie jede Menge Erfahrung gesammelt und wissen genau, wie eine CD richtig vermarktet werden muss. Ich bin bei ihnen fachlich wie menschlich in den besten Händen. Frage: Wohin soll die Reise mit dem Bandprojekt NM5 weitergehen? Nicole Metzger: Am liebsten natürlich durch die ganze Welt mit Auftritten bei allen bedeutenden Jazzfestivals und auf allen Jazzclubbühnen dieser Welt an sechs Tagen sin der Woche, organisiert von einer der besten Jazzagenturen der Welt (lacht). Frage: Deine aktuellen zehn Lieblingsalben sind ... Nicole Metzger: ?The Best of Gerry Mulligan Quartet with Chet Baker"; Stan Getz und Kenny Barron "People Time"; "Nancy Wilson / Cannonball Adderly"; Harry Connick jr "To see you"; Monica Zetterlund und Bill Evans "Waitz for Debbie"; Michel & Tony Petrucciani "Conversation"; Ella Fitzgerald und die Duke Ellington Big Band "The Stockholm Concert"; Mark Murphy "River Side"; "John Coltrane & Johnny Hartman"; John Mayer "Room for Squares". Frage: Ella Fitzgerald, Billie Holiday, Sarah Vaughan sind gemeinsam das Dreigestirn am Sängerinnenhimmel. Deine Einschätzung? Nicole Metzger: Sie sind die größten Jazzsängerinnen unserer Zeit. Jede hat auf ihre ganz eigene Art Kriterien, Richtlinien für den Jazzgesang festgelegt: persönlicher Ausdruck in der Stimme, Interpretationskraft, Phrasierung, Scatten. Sie müssen tolle Persönlichkeiten und wunderbare Menschen gewesen sein. Nur allzu gerne hätte ich sie kennen gelernt. Zum Glück haben sie sich auf Tonaufnahmen für die Nachwelt verewigt und jeder kann sich ihrer Musik, ihrem Gesang hingeben. Wenn ich mir die Biografie von Ella Fitzgerald auf DVD anschaue, bin ich jedes Mal tief gerührt und traurig über die Tatsache, dass Ella mit ihrer Musik den Menschen soviel gegeben hat und privat ein Leben in Einsamkeit führte. |
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