Interview mit Nigel Kennedy
"Ich verstehe einfach nicht, warum jemand, der ein Instrument spielen kann, aufstehen und mit einem Taktstock durch die Luft wedeln möchte."
Frage: Beethoven hat Konventionen gegen den Strich gebürstet, um sich musikalische Freiheiten leisten zu können. Viele sehen da eine Parallele zu Ihnen. Gibt es eine Art Seelenverwandtschaft?

Nigel Kennedy: Das ist erstaunlich, dass einige Leute da eine Parallele finden. Aber in dem Sinne, dass Beethoven die Musik von den Machthabern, von der Kirche und dem Königshof, weggerückt und Musik um der Musik willen gemacht hat, in diesem Sinne bin ich vielleicht ein bisschen so wie Beethoven, ja.

Das klingt ziemlich überheblich, so etwas zu sagen, aber ich habe noch etwas gemeinsam mit Beethoven: Wenn ich Musik mache, ist das meistens ein hartes Stück Arbeit. Ich bin nicht der Mozart-Typ, der Kompositionen aus dem Handgelenk schüttelt oder sofort drauflos spielen kann.

Ich brauche meinen täglichen Arbeitsrhythmus ? und was man über Beethoven so hört, hat er auch einige Skizzen anfertigen müssen, bevor er eine Komposition so weit hatte, dass er damit zufrieden war. Da sehe ich eine Parallele zu meinem Leben, bei mir ist auch nicht alles auf Anhieb so, wie ich es haben möchte. Ich muss an dem Ergebnis hart arbeiten.

Frage: Aber Sie haben auch das Gefühl, dass sie die Musik befreien, indem Sie mit der Konvention brechen?

Nigel Kennedy: Ja, ich glaube, indem man mit den Konventionen bricht, findet man seine eigene Freiheit. Aber ich glaube, es liegt auch eine große Gefahr darin, sich zum Beispiel mit Beethoven oder Schönberg oder vielleicht auch mit Miles Davis zu vergleichen, nur weil die Leute Schwierigkeiten mit einem haben.

Das ist eine gute Ausrede für viele Musiker und Komponisten: ?Ich bin wie Beethoven, den hat auch keiner verstanden?. Letztlich muss man als Musiker in irgendeiner Weise kommunizieren.

Frage: Welches Ereignis, welche Begegnung in Ihrem Leben hat den Impuls dazu gegeben, dass Sie sich Beethoven mit einer zweiten Aufnahme nähern?

Nigel Kennedy: Ich habe Beethoven das erste Mal mit Klaus Tennstedt aufgenommen, was eine sehr gute und positive Erfahrung für mich war. Da war eine wichtige Persönlichkeit, die zu mir sagte: ?Was du da machst, ist wirklich gut.? Das ist sehr wichtig für einen Musiker, besonders für einen Musiker der jüngeren Generation, wenn ein etablierter Künstler oder ein großartiger Musiker, den man bewundert, gutheißt, was man selber tut.

Und so war es für mich eine große Ermutigung, dass Tennstedt mir seine Anerkennung aussprach. Wenn ich mir jetzt unsere damalige Interpretation anhöre, kommt sie mir sehr altmodisch und romantisch vor, ziemlich langsam, sehr ? ja, sehr leidenschaftlich, aber sehr breit angelegt.

So wie ich Beethoven heute höre, ist seine Musik sehr rhythmisch, sie muss ? neben den lyrischen Passagen ? eine gewisse rhythmische Vitalität haben. Das war es, das gab den Ausschlag dazu, dass ich mir sagte: Warum nimmst du es nicht noch einmal auf? Weil ich zu einer ganz anderen Interpretation gekommen bin.

Frage: Was hat sich in Ihrem Leben seit 1992, seit der ersten Aufnahme, denn verändert ? was hat Ihnen diesen neuen Einblick in die rhythmischen Qualitäten dieses Konzerts verschafft?

Nigel Kennedy: Es hat eine ganze Menge Veränderungen in meinem Leben gegeben, die für mich zu einem neuen Blick auf Beethoven, Vivaldi, Bach und viele andere Komponisten geführt haben. Der Rhythmus ist ein wichtiger Faktor für meine Sichtweise der Musik geworden.

Sicher nicht nur deshalb, weil ich Jazz spiele. Es ist der eigene Herzschlag, von dem der Rhythmus ausgeht. Das ganze Leben ist geprägt vom Rhythmus. Ich glaube, der Rhythmus ist auch ein ganz entscheidender Faktor bei Beethovens Kompositionstechnik.

Das habe ich zum Zeitpunkt der ersten Aufnahme so nicht gesehen, weil ich durch die akademische Sichtweise am Konservatorium geprägt war ? durch die ?normale? Art und Weise, wie Musik von klassischen Musikern (über)interpretiert wird.

Frage: Ihre Zusammenarbeit mit Klaus Tennstedt war angenehm, Sie haben sich gut mit ihm verstanden?

Nigel Kennedy: Ja, ich nannte ihn ?Monster? und er nannte mich ?kleines Monster?. Die Zusammenarbeit mit ihm hat viel Spaß gemacht, weil es ihm einfach nur um die Musik ging. Wenn etwas musikalisch gespielt war, dann war er glücklich.

Wenn etwas in seinen Augen nicht musikalisch war, dann feilte er unglaublich lange daran herum, bis er die Sicherheit hatte, dass es so richtig war. Man konnte ihm von seinem Gesicht ablesen, dass er die Musik lebte, mit jeder Faser, bei jeder Aufführung. Das ist die Art von Musiker, vor der ich wirklich Respekt habe.

Frage: Warum haben Sie sich entschieden, ohne Dirigent aufzunehmen?

Nigel Kennedy: In meinen Augen sind die grotesken Winksignale des Dirigenten und die Gründe, weshalb jemand Dirigent werden möchte, verdächtig. Ich verstehe einfach nicht, warum jemand, der ein Instrument spielen kann, aufstehen und mit einem Taktstock durch die Luft wedeln möchte.

Die positive Motivation, ohne Dirigent zu musizieren, ist die Kommunikation, die unter den Orchestermusikern und zwischen mir und dem Orchester stattfindet. Sie wird nicht unterbrochen von jemandem, der mit den Armen wedelt, wörtlich oder im übertragenen Sinne.

Wir haben einen direkten Kontakt zueinander, was bedeutet, dass die Musiker hinhören müssen, sie müssen reagieren und ihr Können zeigen, statt sich zurückzulehnen. Wenn man ohne Dirigent spielt, kann es sich kein Musiker leisten, sich zurückzulehnen und während des Musizierens den 'Playboy' zu lesen. Die Musiker müssen wachsam und reaktionsschnell sein, sie müssen Initiative ergreifen.

Mit dem Polish Chamber Orchestra habe ich großes Glück gehabt. Die Freundschaft zu den Musikern besteht schon seit einigen Jahren und ich bin der künstlerische Leiter des Orchesters. Es gibt so etwas wie natürlichen Respekt voreinander, deshalb klappt die musikalische Kommunikation zwischen uns so gut.

Die Musiker haben eine schnelle Auffassungsgabe, man musiziert zusammen wie in einer Jazzband oder in einem Quartett. Und man braucht keine sichtbaren Zeichen für die Verständigung, ich musste gar nicht viel tun, es lief wie von selbst. Ich konnte einfach nach meiner Vorstellung spielen, und weil wir uns so gut kennen, ging es wie selbstverständlich zusammen.

Frage: In den 1980er Jahren sagten Sie: ?Ich habe definitiv das Gefühl, so wie ich Mozart spielen würde, läge ich absolut nicht im Trend.? Glauben Sie, die Leute sind heute offener? Glauben Sie, dass jetzt die richtige Zeit für Ihre Mozartinterpretation gekommen ist?

Nigel Kennedy: Es ist schon komisch mit Mozart. Ich habe nicht nur einmal gesagt, dass ich niemals seine Musik spielen werde. Dann habe ich meinen Sohn mit drittem Namen Amadeus genannt, in der Hoffnung, dass ich eines Tages meine Liebe für Mozarts Musik entdecke. Und genau das ist schließlich passiert.

Ich habe lange gezögert, diese Musik vor Leuten zu spielen, die so stark durch eine bestimmte Auffassung beeinflusst sind, dass meine mit Sicherheit nicht in diese Welt passt. Aber ich glaube, die Welt hat sich verändert und ich musste mich gar nicht so sehr ändern und kann Mozart so spielen, wie ich möchte.

Die Chancen stehen jetzt viel besser, dass meine Interpretation angenommen wird. Meine Spielweise ist nicht so stark beeinflusst durch die Auffassung der authentischen Aufführungsweise und auch nicht durch die strenge New Yorker Schule. Es gibt so viele Möglichkeiten der Interpretation für ein Musikstück aus einer bestimmten Epoche.

Frage: Sie sind offenbar der Klangvorstellung der Zeit nahegekommen, eher als dem typischen Mozartklang. Kann man sagen, dass es Ihnen gewissermaßen um den Kontext des Klangs geht?

Nigel Kennedy: Nun, es ist so, als ich das erste Mal Vivaldi spielte, war es genau diese Vorstellung, die meine Auffassung und Interpretation von Vivaldi geprägt hat, dass diese Musik in die heutige Zeit passen sollte. Von dieser Vorstellung sind eigentlich alle meine Interpretationen geprägt, egal welche Musik ich spiele: Die Musik gehört in unsere heutige Zeit.

Vor kurzem habe ich im Blue Note Club in Tokio Jazz-Sets gespielt und dann auch Bartók, den letzten Satz aus der Sonate für Violine solo. Diese Musik kann sehr gut in unsere heutige Zeit passen ? wenn man sie richtig präsentiert und richtig spielt.

Bei Mozart ist das nicht anders. Diese Musik hat einen Bezug zur Gegenwart. Sonst könnte man alle diese Leute begraben und mit ihnen abschließen.

Frage: Ist dieser Druck, der in all den Jahren auf Sie ausgeübt wurde, Mozart aufzunehmen ? ist Ihnen dieser Druck bewusst?

Nigel Kennedy: Ja, da gab es eine Menge Druck, mir ist bewusst, dass die Leute in irgendeiner Weise Mozart und mich zusammenbringen wollten. Aber ich hatte bisher ganz einfach keinen Grund, ihn zu spielen.

Letztlich habe ich über die Liebe zu Beethovens Musik den Weg gefunden, wie ich Mozart spielen kann, und so kam auch die Idee zustande, dieses Album mit Mozart und Beethoven aufzunehmen.

Frage: Wann haben Sie das letzte Mal Mozart aufgeführt?

Nigel Kennedy: Das letzte Mal, dass ich Mozart aufgeführt habe, wie lange wird das her sein ... 25 Jahre etwa, zwischen 25 und 30 Jahren. Und seither bis zu der Tour mit dem PCO und der Aufnahme im Anschluss daran habe ich tatsächlich nicht ein einziges Mal Mozart gespielt.

Frage: Ist das nun plötzlich eine spannende Erfahrung?

Nigel Kennedy: Yeah. Jetzt, im Rückblick betrachtet, hat diese Musik, hat Mozart einen ganz neuen Reiz. Nachdem ich Vivaldi und Bach mit den Berliner Philharmonikern gespielt habe und viel Vivaldi und Bach mit dem Polish Chamber Orchestra, jetzt sehe ich, dass es da eine Entwicklung hin zu Mozart gab.

Frage: Schlägt sich diese Stimmung auch in der Kadenz nieder, die Sie selbst komponiert haben?

Nigel Kennedy: Dadurch, dass der Bassist Mickal Baranski bei der Kadenz dabei ist, kam ein neues Element ins Spiel. Beim Schreiben der Kadenz dachte ich mir, dass es gut wäre, ein Element zu haben, auf das ich mich wirklich verlassen kann. Um dann gleichzeitig meinen eigenen Gedanken beim Spielen freien Lauf lassen zu können.

Also schrieb ich für das Orchester den dramatischen, abgeleiteten Part, der von der Kadenz erwartet wird. Dieser Part wird vom gesamten Orchester übernommen, während ich spielen kann, was in meiner Seele ist. So dass ich zeigen kann, was Mozart für mich bedeutet.

Frage: Der Sound, den Sie mit der elektrischen Violine erzeugen, ist ein ganz anderer. Das muss für die Aufnahme eine echte Herausforderung gewesen sein. Hatten Sie genau diesen Klang im Sinn? Genau diese Klangfarbe?

Nigel Kennedy: Ich glaube, ich habe diese Kadenz so geschrieben, um etwas ausdrücken zu können, was in meiner Seele ist, etwas, das meine Sicht auf Mozart spiegelt und gleichzeitig etwas von mir selbst ist, so dass die Leute dieses Konzert vielleicht anders wahrnehmen, nachdem sie die Kadenz gehört haben.

Einen Kontrabassisten dabei zu haben, einen Jazzbassisten, war eine große Hilfe für mich, weil auf diese Weise eine Basis da ist, auf der ich mich frei bewegen kann. Die Orchestermusiker können sich ausleben in dem, was ich für sie geschrieben habe, aber dadurch, dass ein Bass dazukommt, wird ihr Part eingegrenzt. Auf diese Weise kann ich frei sein und mit Seele spielen.

Frage: Mit dieser Definition bringen Sie auf den Punkt, was eine Kadenz in ihrem Kern sein soll.

Nigel Kennedy: Ich glaube, eine Kadenz ist wirklich dafür da, den Leuten, die die Musik hören, die Mozart hören, einen Zugang dazu zu verschaffen, und nicht etwa, ihnen den Zugang zu verschließen. Das waren meine Beweggründe beim Schreiben der Kadenz: Den Leuten einen Zugang zu verschaffen, ihre Herzen zu öffnen für eine andere Möglichkeit, Mozart zu sehen.

Das war es, wonach ich gesucht habe. Ich wollte den Leuten nicht den Zugang verstellen durch eine virtuose Selbstdarstellung in einer sehr begrenzten Situation, in der der Solist einfach nur eine Menge Noten auf der Geige spielt.

Ich wollte eine andere Atmosphäre schaffe, eine andere Stimmung, die Mozart in einem bestimmten Licht erscheinen lässt. Wenn dann hinterher wieder das Tutti kommt, hat man einen anderen Eindruck von dem Stück.

Frage: Zusätzlich zu den zwei Komponisten, über die wir sprachen, haben Sie im Jazz neue Inspiration gefunden. Wie sind Sie zu Horace Silver gekommen?

Nigel Kennedy: Nun, da war dieser junge Bassist aus Polen, Mickal Baranski. Er ist ein Wunderkind, was er auf seinem Instrument macht, ist phänomenal. Er hat mir bei den Kadenzen geholfen, damit es ein Fundament in der Musik gibt. Und ich dachte, nun, da er schon mal da ist, könnten wir auch noch andere Sachen zusammen machen.

Es gibt diesen wunderbaren Kirchenraum ? warum sollten wir dort nicht auch etwas nur für Bass und Violine aufnehmen? Mir fiel der Jazz-Pianist und Komponist Horace Silver ein, denn bei ihm gibt es einen ähnlichen melodischen Reichtum wie bei Mozart, seine Musik ist sehr melodisch, und so lag die Idee nahe, etwas von ihm zu spielen.

Wir spielten seinen Song ?Creepin? in?. Und ich meine, mit etwas süßem Jazz am Ende des Albums entsteht eine neue Hörerfahrung.

Nigel Kennedy. Foto: EMI Classics / Lukas Beck
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Im Alter von sieben Jahren erhielt Nigel Kennedy das allererste Stipendium, das von der Yehudi Menuhin School vergeben wurde, bevor er mit 16 Schüler von Dorothy DeLay an der Juilliard School of Music in New York wurde. Wiederholt erhielt Nigel Kennedy aber auch beim Meister der Jazz-Geige, Stéphane Grappelli, Unterricht in Jazz-Improvisation.

Seit mehr als 20 Jahren gilt Nigel Kennedy als einer der weltweit führenden Geigenvirtuosen. Seine sensationelle Einspielung von Vivaldis ?Vier Jahreszeiten? fand mit mehr als drei Millionen weltweit verkauften Exemplaren als meistverkauftes Klassik-Album Eingang ins Guinness-Buch der Rekorde.

Der wandlungsfähige Künstler versteht sich als Grenzgänger zwischen verschiedensten Musikstilen. Seine einzigartige musikalische Begabung und seine sprühende Energie haben sowohl dem klassischen als auch dem zeitgenössischen Repertoire neue Impulse verliehen und einen wichtigen Beitrag zur Aufhebung der Trennung zwischen U- und E-Musik geleistet.

Seit seinem sensationellen Konzert-Debüt mit Mendelssohns e-moll-Violinkonzert 1977 in der Londoner Royal Festival Hall mit dem Philharmonia Orchestra unter Riccardo Muti tritt Nigel Kennedy als einer der gefragtesten Geiger seiner Generation in der ganzen Welt auf.

Sein aktuelles Album heißt Nigel Kennedy & Polish Chamber Orchestra: Beethoven: Violin Concerto & Mozart: Violin Concerto No. 4 & Horace Silver: Creepin' In

Nigel Kennedy & Polish Chamber Orchestra: Beethoven: Violin Concerto & Mozart: Violin Concerto No. 4 & Horace Silver: Creepin' In. Foto: EMI Classics
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März 2008. Quelle: EMI Classics © 1994 - 2011 Dirk Jasper • Diese Seite drucken: Seite drucken