|
Interview mit Olaf Schönborn "Es ist ja nicht so, dass niemand Jazz hören möchte!" |
|
Frage: Du
veröffentlichst seit Mitte der neunziger Jahre CDs.
Olaf Schönborn's Q4: Radio Jazz ist deine erste CD unter
eigenen Namen. Warum wolltest du dir so lange damit Zeit
lassen?
Olaf Schönborn: In der Musik bin ich eigentlich eher ein Gruppentyp. So hatte ich immer gehofft, wieder eine Gruppe wie meine erste Band zu finden: Alle stecken gleichberechtigt ihre ganze Energie rein und konzentrieren sich auf diese eine Gruppe. Da ist unheimlich viel in sehr kurzer Zeit passiert. Wir haben uns gegenseitig immer weiter hochgeschaukelt
Ich hätte gerne schon früher eine Platte unter eigenem Namen gemacht. Aber ich konnte es mir nicht leisten. Ein gutes Studio, gute Fotos und ein guter Support kosten richtig viel Geld, und dafür erschienen mir meine Songs nicht ?besonders? genug. Es gibt schon so viele gute Songs und Alben. Braucht die Welt da noch ein Album von mir? Außerdem fiel es mir schwer, mich auf einen Stil oder einen Bandsound festzulegen, da ich einfach zu viele verschiedene Arten von Musik liebe. In meinem Kopf sind immer wieder völlig verschieden CD-Projekte entstanden. Ich konnte mich lange nicht entscheiden, welches ich zuerst realisieren sollte. Frage: Und würdest du sagen, dass du jetzt einfach deine eigene musikalische Stimme gefunden hast? Olaf Schönborn: Zumindest habe ich jetzt keine Angst mehr davor, meine melodische Spielweise in den Vordergrund zu stellen. Lange Zeit - vor allem während des Jazzstudiums - gab es das Syndrom der ?Jazzpolizei?, die ja immer kontrolliert, dass man nicht zu einfach spielt. Da bin ich jetzt schon viel entspannter. Wichtig ist für mich der eigene Sound auf dem Instrument, an dem man immer weiter arbeiten muss, die Art wie man es spielt, das wirklich spontane Improvisieren und die Energie, die auch zum Zuhörer fließen muss. Frage: Radio Jazz soll eine Produktion jenseits des Smooth Jazz sein. Was ist eigentlich schlecht an "Smooth Jazz"? Und was unterscheidet Radio Jazz vom Jazz im allgemeinen? Olaf Schönborn: ?Smooth Jazz? an sich hat seine Berechtigung wie jede andere Art von Musik auch, aber es ist schlimm, wenn in den Radios so getan wird, dass man außer ?Smooth? keine andere Jazzrichtung mehr spielen kann. Beim Smooth Jazz gibt es kaum Interaktion zwischen den Musikern, kaum Dynamik, keine Überraschungen. Das ist schön im Fahrstuhl, aber das kann nicht alles sein. Frage: Hat Radio Jazz nur etwas damit zu tun, dass die Musik geeignet dazu ist, im Radio zu laufen. Oder ist es vielmehr so, dass Radio Jazz eine Musik ist, die man beispiels- weise hört, wenn man zuhause sitzt, es spät ist, man noch ein Buch liest und dann einfach die Hintergrund-Musik stimmen muss? Olaf Schönborn: Ich wollte eine CD aufnehmen, die im ganz normalen Radioprogramm auch im Hintergrund laufen kann, ohne dass Nicht-Jazzfans abschalten, die aber so interessant ist, dass auch Jazzhörer ihr etwas abgewinnen können. Und dazu muss man nicht smooth spielen. Die Musik muss für mich immer Energie haben, immer auch Improvisation, Interaktion und auch mal Ungewöhnlicheres. Aber nicht jedes Lied braucht vier lange Soli über dieselben Changes, wie es auf den meisten Jazzalben immer noch passiert. Nicht jeder Song muss zehn Minuten lang sein. Und das Ungewöhnliche muss nicht immer im Vordergrund stehen - vielleicht merkt man es erst beim zweiten oder dritten Hinhören. So wie bei richtig guten Popalben. Außerdem liebe ich Melodien. Ein Kritiker bemerkte mal hämisch in einem Verriss meiner ersten Band vor vielen Jahren: Unsere Songs wären so eingängig , dass man sie sogar noch auf dem Nachhauseweg nachpfeifen könnte. Das war für mich das größte Lob! Die Idee für den Titel Radio Jazz kam auch dadurch, dass ich zunächst alles an Jazz nur im Radio hörte. Eine Zeit vor dem sogenannten Formatradio, als es noch reichlich Jazz im Radio gab, sogar in der Jugendsendung oder im Politmagazin. Wir hatten keine Jazzplattensammlung zuhause, und Live Jazz gab es bei uns in der Gegend auch fast nicht. Ich war schon immer ein großer Radiofan. Insofern ist die CD auch eine kleine Hommage an die Sender, die ich viel gehört habe wie SDR, DRS Schweizer Radio, AFN oder BR und an die vielen Radiogeräte, die ich immer um mich hatte. Frage: Die Instrumentierung ist durchaus ungewöhnlich - Saxophon, Gitarre, Percussion und Bass (ohne Schlagzeug). So entsteht eine groovender Sound zwischen Bossa, Samba und Latin. Was macht das Reizvolle dieser Formation und dieser Stilrichtung aus? Olaf Schönborn: Ich wollte für meine erste eigene CD schon eine etwas ungewöhnliche Besetzung. Und eine Besetzung, die Raum lässt und trotzdem locker grooven kann. Ich liebe lateinamerikanische Musik, aber ich bin - im Gegensatz zu unserem Percussionisten - kein Spezialist. Ich wollte auch keine Standard-Latin-Grooves oder Patterns, was für meine Rhythmusgruppe erst mal eine ganz schöne Herausforderung war: eben genau nicht das bestimmte Pattern zu spielen, obwohl der Titel ?Bossa Mood? heißt, auch zuzulassen, dass ich ein traditionell als ?falsch angesehenes? Pattern aufgeschrieben habe, oder Songformen, die ganz traditionell klingen, aber ungewöhnliche Taktanzahlen oder Instrumentierung haben und dann doch auch wieder was Poppiges oder den Groove à la 80er Jahre Miles Davis. Ursprünglich hatte ich an E-Gitarre auch mit vielen elektronischen Effekten gedacht. Daniel ist da ein Meister im geschmackvollen Einsetzen von Effekten. Aber er erschien zur ersten Probe mit seiner akustischen Gitarre. Das hat mich spontan so begeistert, dass wir dabei geblieben sind. Außerdem reizte mich der Gedanke einer rein akustischen Formation. Frage: Ist es für dich ein Spagat, Labelchef, also vor allem Unternehmer, und gleichzeitig Musiker, also vor allem Künstler, zu sein? Olaf Schönborn: Definitiv ein Riesenspagat. Und meist hat man das Gefühl, beidem nicht ganz gerecht zu werden. Andererseits bekommt man durch die Labelarbeit Kontakte zu neuen Musikern, Studios, Produzenten, Journalisten und Veranstaltern, was die eigene musikalische Arbeit weiter bringt. Thomas und ich möchten ein professionell geführtes Label. Aber uns beiden ist es ebenso wichtig, weiter als Musiker aktiv zu sein. Die Alternative ist nicht: Musiker oder Label, sondern Label machen oder einen anderen Nebenjob. Denn nur von den eigenen Gigs kann man als Jazzmusiker heutzutage kaum noch leben. Frage: Welche Bedeutung hat der öffentlich-rechtliche Rundfunk heutzutage für den Jazz und wie beurteilst du die Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte? Olaf Schönborn: Das ist leider eine ganz traurige Geschichte: Einerseits gibt es einige sehr engagierte Redakteure, die aber so gut wie keine Sendezeiten mehr haben, oder die reinen Jazzsendungen werden zu meist unmöglichen Sendezeiten ausgestrahlt. Andererseits wurde durch die Einführung des ?Formatradios? die Anzahl der gespielten Titel auch im öffentlichen Rundfunk drastisch verringert. Immer weniger Titel werden immer öfter gespielt. Das ist katastrophal, denn wo sollen die Leute denn noch neue Titel entdecken, wenn nicht im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der schließlich auch einen Kulturauftrag hat? Es wird viel über teure Kulturförderung gesprochen, dabei würde es oft reichen, dass neue Titel einfach gespielt werden. Wenn sie gut sind, werden sie auch ihre Fans finden. Aber wie soll das funktionieren, wenn man sie gar nicht zu hören bekommt? Parallel dazu sind zudem die meisten CD-Fachgeschäfte, die ihre Kunden noch beraten haben, weggebrochen. Das bedeutet, dass es für neue, unbekanntere Titel und Gruppen kein Platz mehr gibt, sich zu präsentieren. Es ist ja nicht so, dass niemand Jazz hören möchte. Immer wenn ich Paris bin, bin ich total verblüfft, wo überall der Jazzsender läuft: im Kaufhaus, im Café, in der Edelboutique sogar beim chinesischen Stehimbiss. Der Sender (tsf 89.9fm) spielt eine super Mischung mit viel Swing aber auch Livekonzerten, zwischendurch auch Coltrane, Coleman und immer wieder neue Alben. Da kommt das ?alte Radiogefühl? wieder auf: ?Oh, was war das, was da gerade lief. Das kenne ich noch gar nicht.? Warum soll das hier nicht wenigstens ansatzweise auch möglich sein? Frage: Die Didaktik hast du ja nicht ganz aufgegeben: Du arbeitest seit über zehn Jahren auch als Saxophonlehrer. Was ist dir wichtig, deinen Schülern zu vermitteln? Oder anders: Was macht einen guten Saxophonlehrer aus? Olaf Schönborn: Für mich geht es vor allem darum, die Schüler für die Musik zu begeistern. Ihnen zu zeigen, wie viele Schichten in der Musik stecken und gleichzeitig zu verdeutlichen, dass Musik machen, arrangieren, komponieren kein Hexenwerk ist, sondern etwas, das sie genauso können, wenn sie nur Lust darauf haben. Und vor allem, dass sie Spaß am Improvisieren bekommen, am Ausprobieren. Wenn man selbst seine eigene Begeisterung zeigt, lassen sich die Schüler meist sehr leicht anstecken. Frage: Du hast den Song "For Pat" Pat Metheny gewidmet. Welche weiteren Größen nennst du deine Vorbilder? Olaf Schönborn: Pat Metheny?s Platten ?Works? und ?80/81? gehörten zu meinen ersten Jazzplatten überhaupt. Seine Kompositionen klingen immer so leicht und dennoch tief, sein Spiel immer so positiv und klar, auch wenn durch die dunkelsten Akkordfarben und die vertracktesten Rhythmen geht. Für mich läuft bei fast jeder Nummer von ihm ein Film vor meinem inneren Auge ab. Stark beeinflusst bin ich auch von Cannonball Adderley, der für mich den schönsten Altsaxophonton überhaupt hat. Jeder Ton vibriert vor Energie und Gefühl, gerade auch bei den Balladen. Natürlich kann ich jede Menge großer Saxophonisten aufzählen, die ich verehre und die mich auch beeinflussen: Charlie Parker, Phil Woods, Stan Getz, Dexter Gordon, Bobby Watson, Lee Konitz, Art Pepper, Wayne Shorter, Coltrane, Michael Brecker, Joe Lovano, Sonny Rollins, Paquito di Rivera, Benny Carter aber auch David Sanborn, Maceo Parker, Kenny Garrett. Stark beeindruckt hat mich vom ersten Hören an der Komponist Vince Mendoza, dem ich auch auf dieser Platte einen Song gewidmet habe. Seine warmen Klangfarben und seine ungewöhnlichen Kompositionen mit nicht enden wollenden Themen, die einfach immer weiter zu fließen scheinen, die sich so natürlich anhören und doch immer wieder anders sind. Seine Klangfarben haben einen direkten Zugang zu meiner Seele. Und natürlich die Beatles. Eigentlich alles von ihnen. Das war die Basis. Meine erste Schallplatte überhaupt, mit sechs Jahren, war das ?Rote Album? der Beatles. Damit begann eine regelrechte Schallplattensucht. Und das Schöne ist, dass ich die Beatles-Alben immer wieder neu höre, immer neues in ihren Arrangements entdecke. Unfassbar! Frage: Wo siehst du heute den "Jazz made in Germany"? Olaf Schönborn: Ich finde, dass es unglaublich viel guten Jazz in Deutschland gibt. Wahrscheinlich viel weitgefächerter als je zuvor. Durch die Hochschulen gibt es zwar inzwischen auf jedem Instrument sehr viele gute Musiker, aber leider relativ wenig wirklich herausragende Bands. Das liegt auch daran, dass sich Bands nicht mehr so entwickeln können wie früher, als sie noch zwei bis drei Wochen in einem Club gespielt haben und danach im nächsten. Jeder spielt heute in vielen Bands, ist extrem vielseitig, aber kaum einer hat eine Band, mit der er wirklich intensiv das ganze Jahr über touren und arbeiten könnte. Außerdem ist die Wahrnehmung ein Problem: Da es in Deutschland nicht das Jazzzentrum gibt (wie Paris, London oder New York), sondern sich alles auf mehrere große Städte verteilt, fehlt - unter anderem auch im Ausland - die Einsicht, dass hier eigentlich unheimlich viel passiert. Deutsche Bands spielen einfach auch zu selten im Ausland - und leider gibt es hier kein ?Exportbüro? wie in Skandinavien oder Frankreich, dass helfen könnte - aber auch zu selten auf den großen inländischen Festivals! Frage: Welche Bedeutung würdest du in diesem Zusammenhang der zum dritten Mal stattfindene Messe "Jazzahead" in Bremen beimessen? Olaf Schönborn: Die Jazzahead ist da sicher ein Schritt in die richtige Richtung. Man hat dort verstanden, dass man erst mal zeigen muss, was es alles schon Tolles gibt. Viel zu wenige wissen das. Frage: Die obligatorische Frage nach den zehn Lieblingsalben darf nicht fehlen. Klar ist, dass diese Frage nach Tagesform beantwortet wird ... Olaf Schönborn: Nur 10 Alben ... Alla hopp: Olaf Schönborn: Wir wollen eine Lücke schließen, die ich oben schon angesprochen habe: Es gibt viele tolle Festivals in Deutschland (in Mannheim z. B. 'enjoy jazz'), aber kaum jemand weiß, was für tolle deutsche Bands es auf der Szene gibt. Es gibt unheimlich viele ?Nachwuchspreise?, aber keinen Preis für professionelle, aktive Bands. Wir wollten eine ?Marke? etablieren, einen Preis, der mit 10.000 Euro hoch genug dotiert ist, damit er überregional und auch im Ausland wahrgenommen wird. Einen Preis, der stilistisch völlig offen ist, damit auch neue Entwicklungen eine Chance haben. Einen Preis, bei dem sich unterschiedlichste Formation und Musiker jeden Alters bewerben können. Einen Preis, der von einer Fachjury bei der Vorauswahl begleitet wird, und bei der ein jährlich wechselnder Kurator, der immer selbst ein herausragender Jazzmusiker ist, die Qualität garantiert (bislang: Alex von Schlippenbach, Wolfgang Muthspiel, Charlie Mariano). Er alleine trifft die Endauswahl der drei Bands, die am Festivalabend in Mannheim auftreten. Und schließlich der einzige Jazzpreis in Deutschland der letztendlich vom Publikum vergeben wird: Am Festivalabend stimmen die anwesenden Zuhörer nach den Konzerten ab, welche der drei vorausgewählten Bands den Preis erhalten wird. Denn Jazz ist für uns vor allem eine Live Musik, und nur wer es schafft, dass der Funke aufs Publikum überspringt, hat den Preis verdient. Dass dabei die Qualität nicht auf der Strecke bleiben muss, zeigen die bisherigen Preisträger 2006: ?Der Rote Bereich? (Frank Möbus / Rudi Mahall / John Schröder) und 2007: Johannes Enders Quartett. Wir sind sehr gespannt, wer sich in diesem Jahr durchsetzen wird! Frage: Abschlussfrage: Welche Marken spielst du? Olaf Schönborn: Ich stehe mehr auf alte Saxophone. Ich spiele Selmer Saxophone von 1961 (Mark VI), aber meine eigentliche Liebe gilt den alten Conn und King Saxophonen aus den 30er und 40er Jahren. Die haben einen ganz eigenen warmen Klang. Und ich hatte mal ein wunderbares Buffet Saxophon aus den 30er Jahren, das mir gestohlen wurde ... |
|
|




