|
Interview mit Petros Markaris "Die heutige soziale Realität hängt mit dieser Vergangenheit sehr eng zusammen." |
|
Frage: Petros
Markaris, wo haben Sie so gut Deutsch gelernt?
Petros Markaris: In der Türkei, in Istanbul. Dort habe ich das Österreichische Gymnasium besucht. Mein Vater bestand darauf, dass ich nach der Grundschule Deutsch lerne.
Petros Markaris: Nein, ich wurde auf einer kleinen Insel vor Istanbul geboren. Erst nach dem Studium in Wien ging ich nach Athen. Frage: Und wann haben Sie angefangen zu schreiben? Petros Markaris: 1965, mit achtundzwanzig Jahren. Ich habe als Theater-Autor begonnen, und 1970 habe ich dann den Filmemacher Theo Angelopoulos kennengelernt und erhielt von ihm das Angebot, mit ihm ein Drehbuch zu schreiben. So begann unsere Zusammenarbeit, die bis zum heutigen Tage anhält. Bisher haben wir sechs Drehbücher gemeinsam verfasst. Erst 1995 habe ich meinen ersten Roman geschrieben. Frage: Aber Sie wurden auch als Übersetzer deutscher Dramatiker von Goethe bis Brecht ins Griechische bekannt. Welches war Ihr wichtigstes Übersetzungswerk? Petros Markaris: Natürlich Goethes Faust, da brauche ich nicht nachzudenken. Frage: Eine gewaltige Leistung, "Faust" I und II in griechische Verse zu übertragen. Würden Sie das noch einmal machen? Petros Markaris: Nein, solche Fehler begeht man nur einmal. Allerdings habe ich immer noch den Traum - wenn ich die Zeit finde, was ich sehr hoffe - am Faust weiterzuarbeiten und den Urfaust zu übersetzen. Frage: Warum haben Sie später begonnen, Kriminalromane zu schreiben? Petros Markaris: Weil dieser Kommissar einfach zu mir gekommen ist. Und ich habe dabei noch Glück gehabt, denn Polizisten erzwingen von Leuten Geständnisse. Mein Polizist zwingt mich nur, Romane zu schreiben. Frage: Gibt es ein reales oder literarisches Vorbild für Kostas Charitos? Petros Markaris: Nein. Anfangs ging es um eine kleinbürgerliche Familie. Einen Vater, eine Mutter und ein Kind und ich wusste gar nicht, was ich mit Ihnen anfangen sollte. Literatur, Fernsehen, Film, Theater - alles ist voll von Kleinbürgern. Was sollte ich da noch schreiben? Aber der Mann, dieser Polizist, war eigensinnig. Er war einfach da, jeden Tag und ging nicht mehr weg. Und so bin ich zu Kommissar Charitos gekommen. Als ich erst einmal wusste, dass der Mann ein Polizist ist, brauchte ich gar nichts zu erfinden. Ich kannte seinen Nachnamen und wusste, dass er zum Vornamen Kostas heißt. Ich kannte den Namen seiner Frau, Adriani, und ich wusste, dass das Kind eine junge Frau namens Katerina ist. Ich habe mich nie gefragt, wie heißt dieser Mann? Ich wusste es einfach. Frage: Wie finden Sie Ihre Plots? Petros Markaris: Ich lese sehr gern Zeitung. Viele Zeitungen. Jeden Tag. Den Plot für meinen ersten Roman "Hellas Channel" fand ich dort. Die Zeitungen waren voll von Berichten über albanische Kleinkinder, die zum Verkauf an kinderlose Ehepaare nach Griechenland gebracht wurden. Dieser Menschenhandel war ein großer Skandal. Aber normalerwelse habe ich, wenn ich zu schreiben beginne, keinen Plot. Ich habe nur eine Idee. Alles entsteht während der Arbeit, aus dem Schreibprozess heraus. Ich weiß am Anfang nicht, wie der Roman enden wird. Frage: Warum ist das Fernsehen in Ihren Romanen so wichtig? Petros Markaris: Weil das Fernsehen im Leben der Griechen eine enorme Rolle spielt. Wenn man zum Beispiel mit dem Taxi fährt und der Taxifahrer regt sich über etwas auf, dann sagt er sofort: »Das muss ich ins Fernsehen bringen!« So läuft das hier. Frage: Bestehen Unterschiede zwischen dem griechischen und dem deutschen Femsehen? Petros Markaris: Was heißt denn Unterschiede? Die sind wie Tag und Nacht! Obwohl die Nacht - speziell in Athen - so lustig sein kann. Nicht aber das Fernsehen. Frage: Auch Politik und Geschichte spielen eine große Rolle in Ihren Romanen. Petros Markaris: Ja. Das stimmt. Ich schreibe ja nur Kriminalromane. Aber ich glaube, dass man auch dafür die gesellschaftliche und soziale Realität des Landes, in meinem Fall Griechenlands, recherchieren sollte. Dabei stößt man immer wieder auf eine unheimliche und auch trübe Vergangenheit: deutsche Besatzung, Bürgerkrieg, Junta. Das ist alles nicht erfreulich. Es waren schwierige Zeiten. Aber die heutige soziale Realität in Griechenland hängt mit dieser Vergangenheit sehr eng zusammen. Frage: Was Ihre Leser besonders interessiert: Wird Charitos weiter ermitteln oder müssen wir mit seiner Pensionierung rechnen? Petros Markaris: So schnell wird er nicht pensioniert. Ihm bleibt noch einige Zeit zum Ermitteln. Obwohl ich sagen muss: Es ist ein Wunder, dass er noch nicht frühpensioniert wurde, weil er so politisch unkorrekt handelt. Aber wir werden nicht auf ihn verzichten können. |
|
|








