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Interview mit Rabih Abou-Khalil "Dieses leichte Gefühl des Surrealismus ist mein ständiger Begleiter." |
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Frage: Hast du
mit Songs For Sad Women ein Frauenalbum
konzipiert?
Rabih Abou-Khalil: Es ist in jedem Fall eine sehr emotionale CD und für Frauen und Männer gleichermaßen. Das Album ist geprägt von romantischer Tröstbarkeit, es soll schlicht Trost spenden. Frauen gehen mit ihren Emotionen anders um. Frauen sind ganz anders tröstbar als Männer. Sie lassen mehr Emotionalität zu und verarbeiten ihre Traurigkeit anders, weicher. Gerade in ihrer Emotionalität ist diese Musik nicht nur für Frauen gedacht, sondern auch für Männer. Nachdem ich mit den Kompositionen angefangen habe, kam der Titel relativ schnell. Und die Instrumentierung mit dem armenischen Duduk bietet die ideale Möglichkeit, die Kultur der Trauer umzusetzen. Der Musiker Gevorg Dabaghyan ist in Armenien eine herausragende Persönlichkeit.
Rabih Abou-Khalil: Frauen begegnen Musik mit einer anderen Emotionalität, wählen viel mehr nach Stimmungen und Situationen ihre Musik aus. Frage: Ein Song ist den Frauen von Qana gewidmet. Kann Musik grundsätzlich etwas bewirken in der Gesellschaft? Rabih Abou-Khalil: Mich berührt die Situation im Libanon sehr, und sie begleitet mich natürlich Zeit meines Lebens. Ich wollte mit dem Song nicht die politische Dimension des Angriffs aufgreifen, sondern die damit verbundene menschliche Trauer zeigen. Musik kann die Welt nicht verändern, sie kann aber die Kommunikation zwischen den Kulturen erleichtern. Ich glaube zum Beispiel nicht, dass George W. Bush durch das Hören von bestimmter Musik seine Politik verändern würde. Frage: Du bist ein gefeierter Künstler, der auch aufgrund seiner differenzierten gesellschaftspolitischen Analysen gefragt ist - gerade im Hinblick auf den Nahen Osten und die derzeitigen Spannungen zwischen der westlichen und arabischen Kultur. Rabih Abou-Khalil: Da ich innerhalb beider Kulturen lebe und mich für beide Kulturen interessiere, ist für mich auch die gesellschaftspolitische und kulturelle neben der künstlerischen Auseinandersetzung sehr wichtig. Das Verständnis der jeweils anderen Kultur ist geprägt von einer Kette von Missverständnissen auf beiden Seiten. Das wäre an sich kein Problem, wenn sie sich nur gegenüberstünden und nicht bekriegen und bekämpfen würden. Frage: Du wirst in diesem Jahr 50. Wie gehst du mit Alter um? Rabih Abou-Khalil: Es gibt für mich ein künstlerisches und ein körperliches Alter. Wenn man mehr im Geiste lebt, verliert das Alter an Wichtigkeit. Zwar will ich auf meine künstlerischen und menschlichen Fähigkeiten und Erfahrungen auf keinen Fall verzichten, obwohl es mit meinem heutigen Erfahrungsschatz reizvoll wäre, im Körper eines Zwanzigjährigen zu stecken, (lacht) Frage: Du bist für dein großes Interesse an Kunst, Malerei, Literatur und Film, alles schöngeistige Dinge, bekannt. In deinem Haus mögen Besucherinnen von der Vielzahl an skurrilen Gegenständen wie Plastikhühner, Gummiratten etc. überrascht sein. Rabih Abou-Khalil: Die Verbindung von Schönem und Hässlichem, dieses Extrem gefällt mir. Mich faszinieren Sachen, die unnötig und nutzlos sind. Ich besuche gerne Geschäfte, in denen solche Dinge verkauft werden und frage mich immer wieder dabei: Wer kauft das eigentlich? Und dann bin ich derjenige, der es kauft, ja förmlich kaufen muss. Ich habe dann das Gefühl, der einzige zu sein, der das tut! (lacht) Als Künstler befinde ich mich ja auch in einer Kultur des Unnützlichen und lebe in einer Atmosphäre des Absurden. Frage: Was wusstest du über Deutschland, bevor du hierher kamst? Rabih Abou-Khalil: Während des Bürgerkrieges im Libanon in den siebziger Jahren verbrachte ich als 17-jähriger fast ein Jahr lang mit meiner Familie immer wieder im Keller. Mein Vater hatte gebundene Spiegel-Bände von 1949 bis 1973, und die habe ich dann dort gelesen. Daraus resultierte meine Vorstellung von Deutschland und Europa, die natürlich mit der Realität wenig übereinstimmte, als ich 1979 nach Deutschland kam. Dieses leichte Gefühl des Surrealismus ist seitdem mein ständiger Begleiter (lacht). |
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