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Interview mit Reinhard Klooss "Das Genre des Animationsfilms ist mit CGI aus Genre Grenzen herausgetreten." |
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Frage: Die
Geschichten um das Urmel haben schon mehrere Generationen von
Kindern geprägt. Erinnern Sie sich noch, wie Sie das erste Mal
mit Urmel in Berührung gekommen sind?
Reinhard Klooss: Ich habe Urmel als ?Star? der Augsburger Puppenkiste Ende der sechziger Jahre entdeckt. Für mich und viele andere damals war Urmel, der vorwitzige, neugierige Dinosaurier, der sich von pädagogischen Richtlinien seiner Ziehmutter Wutz oder der liebevollen Autorität von Professor Tibatong nicht beeindrucken lässt, wohl so etwas wie ein naiv-kindliches Pendant der Studentenbewegung, die den ?Muff von tausend Jahren unter den Talaren? durchlüften und überkommene Wertehierarchien in Frage stellen wollte.
Reinhard Klooss: Frisch aus dem Ei geschlüpft, kann Urmel einen unverbrauchten Blick auf die Welt werfen, munter scheinbar Selbstverständliches in Frage stellen, sorglos unbekanntes Terrain erforschen. Ein Geschöpf seiner Zeit, der sechziger Jahre, ist Urmel auf diese Weise dennoch zeitlos, indem es auf knuddelig-unschuldige Weise vermeintlich unverrückbaren Strukturen mit entwaffnender Aufmüpfigkeit entgegentritt, sich über nicht weiter begründete Verbote aus der Welt der Erwachsenen und vermeintlich Vernünftigen hinwegsetzt. Frage: Worin bestand für Sie die größte Herausforderung bei der Erschaffung einer neuen, originären Urmel-Geschichte? Reinhard Klooss: Die Herausforderung des ersten Urmel Films bestand darin, den Zuschauererwartungen unserer Zeit an den Look eines Animationsfilms gerecht zu werden und dennoch dem Original auf andere Weise treu zu bleiben, d. h. eine Form zu finden, in der sich die alten Bekannten aus Max Kruses Klassiker wie selbstverständlich bewegen konnten, in der sie sich wohl und heimlich fühlten. Hierauf konnten wir bei Urmel voll in Fahrt aufbauen. Die Herausforderung bestand jetzt einmal darin, eine Geschichte zu finden, die die enormen Möglichkeiten der CGI-Technik nutzen kann und gleichzeitig den emotionalen Charme der alten Kinderbuchfiguren erhält. Zum anderen haben wir nach einer Prämisse gesucht, die Urmels unverbrauchten Blick auf die Welt erhält, obwohl es ja inzwischen ?älter? geworden ist. Diese Funktion hat nun Babu, das kleine Pandamädchen (und auch eine Figur aus Max Kruses späteren Urmel-Büchern). Mit der neuen Figur ergaben sich neue dramaturgische Möglichkeiten. Die Geschichte von Urmel und Babu greift typische Erfahrungen von Geschwistern auf. Außerdem setzt sie eine Handlung in Gang, die (wie so oft im Leben) mit einem ?falschen? Traum beginnt und mit der Erkenntnis endet, dass man am besten fährt, wenn man bei sich selbst bleibt. Frage: Was war Ihnen bei der Entwicklung von Urmel voll in Fahrt besonders wichtig? Reinhard Klooss: Es waren uns drei Dinge besonders wichtig: Dass wir in jeder Hinsicht unterhaltsam sind, den erhobenen Zeigefinger als ?Pädagogik-Knute? zuhause lassen und trotz neuer Charaktere, neuer Schauplätze und neuer Dramaturgie Max Kruse immer wieder einfangen. Frage: Mittlerweile verändern computeranimierte Filme wie Urmel voll in Fahrt auch die Kinderfilmkultur in Deutschland. Worin besteht Ihrer Meinung nach der Vorteil gegenüber klassischen handgezeichneten Trickfilmen? Reinhard Klooss: Die Kinderfilmkultur nicht nur hierzulande, sondern weltweit wird seit Jahren von CGI-Produktionen wie ?Toy Story?, ?Ice Age?, ?Shrek?, ?Findet Nemo?, ?Madagaskar? oder ?Happy Feet? geprägt. Wenn man heute von Animationsfilm spricht, redet man meistens von computeranimierten Filmen, deren (im Verhältnis zur klassischen Animation) vollkommen andere Produktionsweise auch völlig neue Anforderungen an Charaktere und Dramaturgie mit sich bringt. Aber der Prozess der Veränderung geht ja noch viel weiter, weit über die Grenzen des Kinderfilms hinaus. Denn in der galoppierenden Entwicklung der Digitalisierung, die die Produktion, den Vertrieb, die Projektion und auch die Rezeptionserwartungen immer mehr beeinflusst, nimmt die CGI-Produktion eine zentrale Rolle ein. Das Genre des Animationsfilms ist, wenn man so will, mit CGI aus seinen eigenen Genre Grenzen herausgetreten. Und der Realfilm ist mit den Anforderungen, die das Publikum heute an den Look von Filmen stellt, in die Grenzen des CGI-Films eingedrungen. Die Unterschiede zwischen Realfilm und CGI-Produktion verschwimmen also. Und diese Entwicklung steht erst am Anfang. So hat sich nicht nur der Kinderfilm weltweit geändert, er beflügelt mit der Technik der CGI-Animation auch die ?Erwachsenen Filme?. Und er öffnet sich umgekehrt selbst für Erwachsene, wie der Erfolg einer ganzen Reihe von CGI-Filmen zeigt. Frage: Warum glauben Sie, sind Animationsfilme auch für Erwachsene interessant? Reinhard Klooss: Weil in Animationsfilmen im Grunde alles möglich ist, weil die Gesetze der Physik außer Kraft gesetzt sind, daumengroße Winzlinge über gigantische Kräfte verfugen können, weil man, ohne sich schämen zu müssen, schadenfroh über die Missgeschicke animierter Figuren lachen kann, weil hier das Leben wie ein großer Laborversuch erscheint, kurzum weil Erwachsene in diesen Filmen sein dürfen, was sie ja eigentlich oft selbst am liebsten wären: Kinder. Frage: Inwiefern können sich Sprecher wie Anke Engelke, Christoph Maria Herbst oder Oliver Kalkofe mit ihrem komödiantischen Talent in die Gestaltung der Figuren einbringen? Welche Freiheiten gestatten Sie den Sprechern? Reinhard Klooss: Die Sprecher hauchen, wenn man so will, den Figuren ihre ?Seele? ein. Wir nehmen ihre Stimmen darum auch auf, bevor wir mit der Animation beginnen. Die Inszenierung der Stimmen kann sich daher nicht an einem fertigen Bild orientieren, nur an den Character Designs, die zum Zeitpunkt der ersten Sprachaufnahmen meist, aber auch nicht immer, als Orientierung vorliegen. Das heißt die Sprecher können nicht nur ihr Talent einbringen - sie müssen es auch. Denn so wie sie sprechen, so bewegen sich die von ihnen beseelten Charaktere später, sie können ein Stirnrunzeln, Lachfalten, eine sprechende Bewegung der Arme, der Hände, des Kopfes vorgeben. Dramaturgie, Dialog, Sprache und Animation sind hier keine starren, vorgegebenen, voneinander unabhängig entstehenden Elemente. Sie verändern sich während der ganzen Produktionszeit von knapp zwei Jahren ständig, reagieren immer wieder neu aufeinander, um am Ende eine möglichst dichte Einheit zu bilden. Darum nehmen wir die Sprecher auch mehrmals während der Produktion auf, darum schreiben wir Dutzende von Drehbuchfassungen und verändern ständig die Animation. Frage: Würde es noch viele weitere Urmel-Filme geben, wenn es nach Ihnen ginge? Haben Sie noch Ideen und Geschichten in der Schublade für weitere Abenteuer auf Titiwu? Reinhard Klooss: Im Gegensatz zum Fernsehen ist einer der Gründe für die Attraktivität des Kinos, dass es sich um Unikate und nicht um Serienprodukte handelt. Das gilt auch für Spielfilm-Reihen. Sicher haben wir noch einen Film ?im Lauf?, der für sich in Anspruch nehmen könnte, eigenständig zu sein. Aber letztlich entscheidet das natürlich erst einmal der Zuschauer. |
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