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Interview mit Rufus Wainwright "Ich habe wirklich das Gefühl, dass wir so ziemlich am Boden des Qualitätsfasses angelangt sind, in puncto der Musik, die für Kids produziert wird." |
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Frage: Was
für einen Bezug hast du persönlich zur Yellow
Lounge?
Rufus Wainwright: Ich bin mit den Aufnahmen von Deutsche Grammophon aufgewachsen. Jedes Mal, wenn ich eines dieser Alben mit dem großen gelben Rahmen im oberen Drittel und dieser typischen Schrift darin in die Hand bekam, hat es mich an eine gewisse Tradition erinnert. Es war wie ein Qualitätssiegel.
Frage: Warst du schon mal bei einer Yellow Lounge-Veranstaltung? Rufus Wainwright: Nein, leider noch nicht. Aber ich habe schon viel davon gehört. Es ist diese Partyreihe in Berlin, bei der die Leute sehr laut klassische Musik hören und sich dazu die Kante geben. Wahrscheinlich brechen sie zeitweise auch mal vor lauter Freude in Tränen aus! Einer der großen Fans dieser Veranstaltung ist Neil Tennant von den Pet Shop Boys, der schon oft dort war, selbst als DJ Klassik aufgelegt hat und mir immer in den höchsten Tönen davon vorschwärmt. Frage: Deine Yellow Lounge-CD enthält viel Vokalmusik und Oper. Wie würdest du Jemandem, der sich nicht so sehr damit auskennt, diese Musik und deine Faszination damit erklären? Rufus Wainwright: Es stimmt, es ist wirklich viel Oper in meiner Auswahl. Hauptsächlich, weil ich mit etwa 14 Jahren eine quasi religiöse Erfahrung mit Oper gemacht habe. Damals war ich sehr ... depressiv ist nicht das richtige Wort, vielleicht eher konfus. Und die Welt sah Mitte der 80er auch eher düster aus, was die Aussichten für einen aufblühenden Homosexuellen betrafen. Es war ein bisschen beängstigend. Irgendwie füllte Oper damals für mich ein emotionales Bedürfnis. Ich konnte mich mit vielen der Themen identifizieren, wie etwa Tod, Sehnsucht, Ewigkeit, weil ich mich auch damit auseinandersetze und die dazugehörigen Emotionen verspürte. Oper ist ideal für Jeden, der das Leben mit einer gewissen Traurigkeit und einer gewissen Intensität erlebt. Frage: Warum ist dir gerade ?Tosca" so wichtig? Rufus Wainwright: Tosca war überhaupt eine der ersten Opern, auf die ich aufmerksam wurde. Ich bin mit einer berühmten Aufnahme von ?Tosca" mit Zinka Milanov und Jussi Björling groß geworden. Besonders dieser eine Teil der Oper, das ?Te Deum", hat mich immer sehr fasziniert. Dort konstatiert Scarpia, der Bösewicht, seinen ?modus operandi" - was er mit Tosca vorhat - physisch, sexuell. Es ist einer der großen Bösewichtsmomente der Oper. Die besten Bösewichte der Oper sind meiner Meinung nach sowieso Jago und Scarpia. Es ist sehr interessant, dass Scarpia direkt vor dem ?Te Deum" Bezug auf Jago nimmt. Er sagt wirklich: ?Ich werde wie Jago sein." Und dass ist natürlich auch etwas, was ich an der Oper liebe: Einige der größten Momente der Oper stecken voller Hass und Lust. Das ?Te Deum" ist in der Hinsicht sicher unübertroffen. Frage: Welche Emotionen weckt klassische Musik in dir? Rufus Wainwright: Unglücklicherweise hat mich die Tatsache, dass ich so viel klassische Musik gehört habe, ein wenig stumpf gemacht, was andere Musik angeht - manchmal. Wenn man es mit den großen Werken zu tun hat - von Mahler oder einem anderen der ganz Großen - bekommt man mit ziemlicher Garantie ein paar großartige Momente zu hören, fast schon eine Art metaphysisches Erlebnis. Wenn man dann Popmusik hört, kann es einen ein wenig kalt lassen. Dabei bin ich ein großer Fan von Weltmusik, Rock 'n' Roll und Folk - schließlich waren meine Eltern beide großartige Folkmusiker (Kate McGarrigle und Loudon Wainwright III, Anmerkung der Redaktion). Aber ich glaube wirklich, dass klassische Musik für einen Westler, also Jemanden mit europäischen Vorfahren, die Musik der Ahnen ist. Ich kann darin die Erfahrungen meiner Vergangenheit spüren. In gewissem Sinne ist klassische Musik also selbst eine Art Folkmusik. Frage: Meinst du, dass es wichtig ist, klassische Musik zu hören? Oder anders gefragt: Findest du, dass die Menschen heutzutage genug klassische Musik hören? Rufus Wainwright: Nein, das finde ich absolut nicht. Für mich gehören diese Werke zu den größten Schätzen unserer Welt. Je mehr man sie hört und je mehr man ihre verschiedenen Ebenen entdeckt, umso mehr bereichern sie einen und stärken einen gegen die fade Welt, in der wir leben. Frage: Du selbst spielst Klavier und Gitarre. Hast du auch mal klassischen Unterricht gehabt? Rufus Wainwright: Ja. Ich habe mit sechs Jahren angefangen, Klavierunterricht zu bekommen. Und später war ich dann auch ein paar Jahre lang am McGill Konservatorium für Musik in Montreal eingeschrieben. Leider bin ich in jedem Kurs durchgefallen, weil ich nie geübt habe. Es war mir viel wichtiger, von diesen vielen tollen Musikern umgeben zu sein, als tatsächlich selbst etwas zu lernen. Aber einiges ist natürlich schon hängen geblieben. Meine Lehrer hatten schon das Gefühl, dass ich sehr musikalisch bin. Selbst in der klassischen Welt, in der es ja viele gute Instrumentalisten gibt, viele, die es technisch verdient hätten Erfolg zu haben, gibt es eigentlich sehr wenige, die wirklich musikalisch sind. Ich weiß auch nicht warum, aber es ist einfach so. Ich war damals schon musikalisch, aber einfach zu faul zum Üben. Doch ich habe sehr viel am Konservatorium gelernt. Frage: Erzähle ein wenig über die Stücke, die du ausgewählt hast. Ist die Reihenfolge besonders wichtig? Rufus Wainwright: Einiges davon habe ich erst entdeckt, als mir die Deutsche Grammophon ein großes Paket mit CDs schickte. Ich habe sie alle in meinen iPod geladen und auf ?Shuffle" gedrückt. Dabei habe ich sehr Vieles entdeckt. Die Haydn-Quartette zum Beispiel! Eines davon, das ich ausgesucht habe, ist der langsame Satz aus dem ersten Quartett. Soweit ich weiß, hat Haydn das Streichquartett erfunden, Also ist es wahrscheinlich der erste, oder zumindest einer der ersten langsamen Sätze für Streichquartett. Was später ja so ein sehr typischer Sound in der klassischen Musik wurde. Eine große Entdeckung waren für mich auch die Werke von Rameau. Seine Musik klingt immer so ?zeitgenössisch", auf seltsame Art und Weise. Sie altert nie, hat etwas sehr Zeitloses an sich. Auch die ?Enigma-Variationen" von Elgar habe ich dabei entdeckt und lieben gelernt. Anschließend bin ich dann in mein Hauptinteressensgebiet eingetaucht, also Vokalmusik und Oper. Besonders liebe ich Berlioz, ich bin ein großer Fan von ?Les Nuits d'été". Eines Tages würde ich das zu gerne selbst mal singen ... Frage: Im Rahmen deiner Yellow Lounge-CD wird das Faure Quartett auch einige Deiner Songs interpretieren. Freust Du Dich darüber? Rufus Wainwright: Ich bin sehr glücklich darüber, dass jetzt mal einige meiner Songs von echten Musikern interpretiert worden sind! Ich habe meine Songs immer mit einem romantischen Geist geschrieben und im Grunde ihres Wesens basieren sie auch auf sehr klassischen Harmoniestrukturen, mit denen eben auch klassische Musiker etwas anfangen können. Frage: Glaubst du, dass dein Mix für diese Yellow Lounge-CD mehr Menschen von der klassischen Musik überzeugen kann oder sie zumindest neugierig machen wird? Rufus Wainwright: Ich glaube wirklich felsenfest, dass es eine Wende geben muss, was den Musikgeschmack der jungen Leute angeht - allein, weil sie einfach mehr Musik brauchen, die ihr Leben wirklich bereichert. Ich habe wirklich das Gefühl, dass wir so ziemlich am Boden des Qualitätsfasses angelangt sind, in puncto der Musik, die für Kids produziert wird. Ich zähle darauf, dass wenigstens ein großer Prozentsatz der Kids etwas mit mehr Intensität verlangen wird und sich in Richtung Klassik orientiert, zumindest manchmal. Ich werde alles tun, was ich dazu beitragen kann. |
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