Interview mit Tania Krätschmar
"Die Gartenkunst blühte in Deutschland in der dekorativen Ecke still vor sich hin!"
Frage: Was genau macht eine Wassergärtnerin?

Tania Krätschmar: Das ist ein poetisches Bild. Im Fall meiner Romanfigur Tinke Wiesgrund hat die Wassergärtnerin eine enge Bindung ans Meer, weil sie von einer Nordseeinsel stammt.

Als sie nach Berlin kommt, glaubt sie, diesem Element, das für sie etwas Trügerisches hat und in dem sie keine Spuren hinterlassen kann, entkommen zu sein. Aber auch in der Großstadt lauern gefährliche Untiefen, reißende Strömungen und der eine oder andere Brecher namens Liebe, Leidenschaft und Geheimnis.

Frage: Warum haben Sie ein Buch über das Gärtnern geschrieben?

Tania Krätschmar: Mir gefiel der Gedanke, ein Buch über eine Frau zu schreiben, die ihre Leidenschaft für das Gärtnern erst dann erkennt, wenn die äußeren Begebenheiten dagegen, ihre Gefühle aber dafür sprechen: mitten im Großstadtdschungel.

Mein eigenes Interesse fürs Gärtnern ist groß: Ich finde die Kulturgeschichte von Gärten, die ja mit dem Paradies beginnt und sich quer durch die Jahrtausende zieht, faszinierend. Die Tätigkeit an sich macht mir Spaß - der Duft der Erde, das Pflanzen und Gießen, selbst das Bürsten der Fingernägel und der Muskelkater hinterher.

Man kann dabei wunderbar die Gedanken schweifen lassen. Wenn dann der Raum zwischen Haus und freier Natur allmählich ein eigenes Gesicht bekommt, ist das ausgesprochen befriedigend. Auch wenn es meistens nicht so aussieht, wie man es sich vorgestellt hat ...

Und ich glaube, dass die Gartenkunst in Deutschland lange in der dekorativen Ecke still vor sich hinblühte, aber in den letzten Jahren durch vermehrte Auseinandersetzung mit der Ökologie und mit den sozialen Aspekten des Gärtnerns an politischem Charakter gewonnen hat.

Frage: Drei Dinge, die der erfolgreiche Gärtner braucht (und selbst beeinflussen kann) ...

Tania Krätschmar: 1. Auf Fantasie vertrauen: Sich vorstellen, wie die Staude aussieht, wenn sie gewachsen ist, wie das Gesamtbild des Gartens mal werden soll, über Gartenkatalogen träumen.

2. Geduld haben: Wenn die Blütezeit vorbei ist, dann dauert es eben eine Weile, bis es wieder von neuem losgeht.

3. Gutes Zeitmanagement: Wenn die Hortensien schlapp machen, dann muss rasch gehandelt werden. Egal, was sonst gerade ansteht.

Frage: Welches sind Ihre Lieblingsblumen?

Tania Krätschmar: Ein großer Tuff Vergissmeinnicht im Frühjahr macht mich schwach, Kornblumen finde ich großartig, ein Mohnfeld, das sich bis zum Horizont erstreckt, begeistert mich. Historische Rosen sind hinreißend, Iris beeindruckend, ein üppiges Lavendelbeet fantastisch.

Aber meine Lieblingsblume ist der Rittersporn. Er kommt nicht nur in einem Farbspektrum von Pastelllila bis Mitternachtsblau daher, sondern treibt als Steppenstaude auch nach dem härtesten Winter aus, entschlossen, es in einem möglichst kurzen Zeitraum bis zur Reife zu schaffen. Mitte Juli ist er dann soweit und will sich aussäen.

Zumindest bei mir sieht er sich aber darin brutal getäuscht - weil ich ihn raspelkurz abschneide. Denn nur dann blüht er im September zum zweiten Mal.

Frage: Sie pendeln zwischen einem Biobauernhof und Berlin hin und her. Wie leben Sie dort jeweils?

Tania Krätschmar: In Berlin wohne ich in einem Haus aus der Jahrhundertwende, das in den 80er Jahren von Künstlern besetzt und saniert wurde. In den bunten Glasscheiben im Flur ist das Abbild eines Hutes von Joseph Beuys zu sehen.

Direkt vor der Haustür sind Kinos, Oper, Restaurants, Buchhandlungen, Bibliotheken, es ist kiezig, kraus und laut. Hier schreibe ich viel, kümmere mich um die Familie, treffe mich mit Freunden.

Auf unserem Hof dagegen ist es weitläufig, frei und still. Mein Lieblingsszenario: Mit einer Kaffeetasse trete ich morgens barfuss in den Garten, schaue mir an, was gewachsen, welche Blüten aufgegangen sind. Manchmal singt der Pirol so angeberisch schmelzend wie in dem alten Berliner Lied von der Krummen Lanke.

Unsere alte, arthritische Katze stolpert hinter uns her, wenn wir Blumen und Biogemüse beschauen. Nachts knackt und raschelt es manchmal, aber die Geräuschpalette ist eine ganz andere als in der Stadt. Für mich bedeuten diese beiden Orte die besten der Welten, und ich kann nur hoffen, dass ich mich nie für eine Welt entscheiden muss.

Frage: Ihr Geheimtipp für ein idyllisches Fleckchen in Berlin?

Tania Krätschmar: An der Koenigsallee im Grunewald, nicht weit vom Kurfürstendamm, liegt ein kleiner, verschwiegener Park, der bis zu einem See hinunterführt. Dort kann man sitzen, den Blesshühnern beim Fangen zwischen den Seerosen zuschauen und weiß trotzdem: Man ist in Berlin.


August 2008. Quelle: Knaur Verlag. Autor, Redaktion und Verlag sind nicht für die Inhalte externer Webseiten verantwortlich.
Tania Krätschmar. Foto: Hoffotografen / Knaur Verlag
Tania Krätschmar
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Tania Krätschmar wurde 1960 in Berlin geboren. Nach dem Abschluss einer Buchhändlerlehre und eines Germanistikstudiums in Berlin, Florida und New York arbeitete sie zunächst als Bookscout in Manhattan.

Heute ist Tania Krätschmar als Texterin, Übersetzerin und Autorin tätig.


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