Interview mit Thomas Siffling
"Die Leute sollen mal sagen: 'Das klingt wie der Siffling'."
Frage: Wird dir bei der Fülle an Aktivitäten nicht manchmal schwindelig oder treibt dich die Vielseitigkeit an?

Thomas Siffling: Es ist in der Tat nicht ganz einfach, das alles unter einen Hut zu bringen und erfordert eine Menge Disziplin sowie einen straffen Tagesablauf. Morgens früh aufstehen, dann direkt in den Proberaum zum Üben. Das muss als erstes am Tag erledigt werden. Danach ins Büro, um die Labelarbeit und die Veranstaltungen zu koordinieren - und dann ist meistens auch schon wieder Abend.

Frage: Das aktuelle Album trägt den Titel Kitchen Music: Das Booklet beinhaltet Kochrezepte bekannter Köchinnen, die Songtitel sind Verweise auf entspannte und sinnliche Feierabende. Von einem Konzeptalbum zu sprechen, ist sicherlich nicht übertrieben. Welche Idee liegt der Produktion zugrunde und könnte die Kernbotschaft lauten: Musik geht durch den Magen?

Thomas Siffling: Die Grundidee des Albums entstand nach einer Studiosession mit Pit Baumgartner von der Band DePhazz. Pit, der übrigens auf dem Album einen wunderbaren Remix gemacht hat, meinte, dass die Zeiten eines einfachen Albums vorbei seien. Eine CD müsse auch eine Geschichte und eine Story haben, um überhaupt noch wahrgenommen zu werden. Vor allem eine Jazz-CD. Ich habe lang drüber nachgedacht, was zu meiner Musik passen könnte und was nicht.

Da ich kein Kind von Traurigkeit bin, gerne mit Freunden zu Hause feiere und ein gutes Essen mit einem guten Rotwein genieße, lag es auf der Hand: Eigentlich müsste man Musik für solche Anlässe machen. Musik, die man entspannt beim Kochen hören kann oder bei einem guten Glas Wein. Musik, die im Hintergrund und beim Zuhören funktioniert. Es müsste eine Musik sein, die tiefgründig genug ist, um nicht langweilig oder plakativ zu erscheinen.

Und sicher: Musik geht durch den Magen!

Frage: Ihr habt das Album nicht zufällig in der Küche eingespielt, oder?

Thomas Siffling: Nein, natürlich nicht (lacht). Wir haben die CD bei Markus Born in Sandhausen aufgenommen. Markus macht in seinem Studio auch die ganz großen Sachen mit den Söhnen Mannheims. Ich wollte einen poppigen Klang für die Platte. Insofern war die Entscheidung schnell gefallen. Die Küche auf dem Cover ist übrigens meine eigene. Die Idee war, einfach ein paar Freundinnen und Freunde mit auf ein Cover zu nehmen. Die Damen sollten in Abendgarderobe und die Herren im Anzug kommen. An dem Tag hatte es etwa 40 Grad. Wir haben alle geschwitzt, was das Zeug hält, aber auch sehr viel Spaß gehabt.

Frage: Mit Kitchen Music hast du nach "Change" (2004) das zweite Trioalbum mit Jens Loh am Bass und Marcus Faller am Schlagzeug eingespielt. Wie und wann habt ihr euch gefunden? Wie würdest du eure Interaktion beschreiben?

Thomas Siffling: Mit Markus spiele ich schon seit über zehn Jahren zusam­men. Wir verstehen uns blind. Jeder weiß, wie der andere musikalisch tickt, auch wenn wir aus ganz verschiedenen Richtungen kommen: Markus eher von der World Music und ich mittlerweile mehr von der elektronischen Seite. Jens habe ich über diverse andere Bands kennen gelernt.

Mir war wichtig, einen aufgeschlossenen und auch experimentierfreudigen Bassisten zu bekommen. Mittlerweile ist das Trio auf einer wunderbaren Ebene angekommen, in der jeder jeden versteht und es dennoch nie langweilig wird. Unser Ziel ist es, einen zeitgemäßen Jazz zu machen, der auch die Jugend anspricht und sich auch dem technischen Fortschritt nicht verweigert. Jazz muss mit der Zeit gehen, um wieder populärer zu werden und ein größeres Publikum zu erreichen.

Frage: Du hast für Kitchen Music Gastmusiker wie Xavier Naidoo und Pit Baumgartner gewinnen können. War das langfristig geplant oder hat sich das eher zufällig ergeben?

Thomas Siffling: Ich wollte jene renommierten Musiker der Region einbinden, die ich persönlich kenne und mit denen ich schon zusammengearbeitet habe. Mit Pit war die elektronische Soundtüftler-Fraktion dabei. Wir haben gemeinsam schon einige Studiosessions in Ladenburg verbracht unter anderem für das neue DePhazz Album.

Xavier Naidoo kannte ich von den Söhnen Mannheims und vom Musikpark, dem Sitz unseres Labels. Aber eigentlich war ich bislang kein großer Gesangsfreund und Xavier Naidoo lustigerweise kein ausgesprochener Jazzfreund. Als wir dann den Song einspielten, war mir klar: das ist ein Song, auf dem muss Xavier naidoo singen. Das passt wie angegossen.

Bei einer Studioführung mit Michael Herrberger, dem Produzenten der Söhne Mannheims, traf ich Xavier naidoo und fragte ihn einfach. Er hat sofort ja gesagt - und dann war das Ding auch schnell im Kasten. So ist ?Kugelblids" entstanden - ein wunderbarer Song mit einem Text zum Schmunzeln.

Frage: Xavier Naidoo hat auch die Lyrics zu diesem ?Autobahnsong" geschrieben. Was hat es damit auch in Hinblick auf die interessante Schreibweise des Titels auf sich? Du machst ja aus deinem Faible für schnelle Autos aus Stuttgart-Zuffenhausen kein Geheimnis.

Thomas Siffling: Die Schreibweise "Kugelblids" im Mannheimer Slang ist spontan im Studio entstanden. Stimmt, Xaxier Naidoo und ich haben beide eine Vorliebe für deutsche Sportwagen aus Zuffenhausen. Der Unterschied ist: Er kann sich die neu leisten und ich nur gebraucht. Na ja, ich arbeite daran (lacht). Mein großes Hobby sind nun mal schnelle Autos. Ich arbeite hart und viel - und das ist dann meine Belohnung (lacht). Ich finde, man soll das Leben genießen, solange man kann.

Frage: Deine Vorgängeralben "Human Impressions" (2005) mit dem Public Sound Office und die Trioeinspielung "Change" (2004) mit Jens Loh und Markus Faller bekam viel Beifall von der Kritik. So fragte Martin Laurentius in "Jazz Thing": "Bekommt Till Brönner etwa eine echte Konkurrenz aus dem eigenen Land?" und Konrad Heidkamp schrieb in der "Zeit": "Zwischen Louis Armstrong und Miles Davis, zwischen Dizzy Gillespie und Tomasz Stanko schwankt der Ton, die Phrasierung, verblüffend also, wenn da mitten in Deutschland eine Stimme durchklingt, die aufhorchen lässt, ruhig, aber nicht traurig, ein melodienahes Singen auf der Trompete, das auf jeden Schmelz verzichtet." Was hältst du von diesen Vergleichen?

Thomas Siffling: Vergleiche sind immer schwierig. Aber sie ehren mich natürlich auch. Natürlich kann ich die Miles Davis-Einflüsse nicht verleugnen. Allerdings versuche ich meine eigene Stimme, meinen eigenen Sound zu kreieren. Die Leute sollen mal sagen: "Das klingt wie der Siffling". Sei es in meinem Spiel auf der Trompete, sei es in meiner Musik.

Frage: Den Sound von Kitchen Music würde ich zwischen Jazz, Pop, Elektronik einordnen. Liegt darin die Zukunft des "massenkompatiblen" und ?Spaß machenden" Jazz?

Thomas Siffling: Ja, wobei ich natürlich nur für mich reden kann. Jazz muss zeitgemäß werden, um auch für junge Leute wieder interessant zu sein. Spaß ist dabei ganz wichtig. Jazz soll wieder Musik zum Verstehen sein, die Spaß macht. Deshalb lege ich so viel Wert auf unsere gesamte Show, und dazu zählen auch gute und witzige Ansagen. Wenn das Publikum gut drauf ist, kann es auch schon mal fast Comedy ähnliche Einflüsse haben. Man muss den Leuten etwas bieten und sich dabei auch nicht zu ernst nehmen. Klar sind wir Künstler, aber auch lebensfroh, lustig und aufgeschlossen.

Frage: Du spielst in Big Band und in Trioformationen. Was reizt dich an der Bandbreite?

Thomas Siffling: Sicherlich muss man heute ein gewisses Spektrum anbieten, um als Musiker überleben zu können. Allerdings spezialisiere ich mich gerade wieder mehr, indem ich vermehrt meine eigene Musik spiele. Irgendwann muss man seinen eigenen Stil finden und durchziehen, um eine gewisse Authentizität und Glaubwürdigkeit zu bekommen. Dem deutschen Jazz fehlt es ein bisschen an Persönlichkeiten.

Frage: Mannheim als Schmelztiegel einer pulsierenden Musikszene mag etwas überraschen. Es scheint aber bei näherer Betrachtung für Musiker, Produzenten und Jungunternehmer einiges geboten.

Thomas Siffling: Ja, es ist schon erstaunlich, was hier in Mannheim in den letzten zehn Jahren entstanden ist. Mit dem Jazzstudiengang an der Musikhochschule hat alles begonnen. Es kamen und kommen gute Jazzmusiker nach Mannheim und viele - so wie ich - bleiben dann auch da. Durch die Pop Akademie und den Musikpark sind viele neue Musiker nach Mannheim gekommen - und natürlich nicht zu vergessen die Community um Xavier und die Söhne Mannheims.

Es gibt von allem etwas: eine sehr gute Pop/Rock-Szene, eine gute Clubszene und eine sehr gute Jazzszene. Alle fangen allmählich an, miteinander zu spielen. Was Schöneres kann es doch nicht geben. Zudem haben wir mit Enjoy Jazz eines der größten deutschen Jazzfestivals in der Region. Dann gibt es noch zwei andere Festivals und diverse Clubs. Also, es lässt sich schon aushallen in "Monnem".

Frage: Wenn du zum kulinarischen Wellnesswochenende fahren würdest, hättest du welche Alben im Gepäck?

Thomas Siffling:

  • Miles Davis: Tutu, Sketches of Spain, Birth of the Cool
  • Matthew Herbert: Goodbye Swingtime
  • Dave Douglas: Freak In
  • John Coltrane: Ballads
  • Johnny Hartmann & John Coltrane Koop: Waitz for Koop
  • Bugge Wesseltoft: Film'ing
  • Johann Sebastian Bach: Air
Thomas Siffling. Foto: Enja Records

Als Musiker, Komponist, Produzent, Labelmanager, Kurator und Veranstalter kann der 34Jährige Thomas Siffling schon auf einen beachtlichen Werdegang zurückblicken.

Thomas Siffling ist Leader seines Trios, Mitglied einiger Bands und wurde mit einer Reihe von Preisen ausgezeichnet - unter anderem 1999 mit dem Förderpreis der Stadt Mannheim sowie 2005 mit dem Jazzpreis des Landes Baden-Württemberg.

Bereits fünf Alben hat er als Leader veröffentlicht und war auch als Sideman auf mittlerweile etwa 65 Alben sehr gefragt. Er ist Teil der Bands JazzXChange mit prominenten Bandmitgliedern wie Werner Seifen (ehemaliger Chef der Deutschen Börse AG) und August Wilhelm Scheer (DS Scheer AG und Aufsichtsrat der SAP), dem Fritz Münzer Quintett, den Dirik Schiigen Jazzgrooves und leiht zwischendurch den Söhnen Mannheims oder Pit Baumgartner für das neue DePhazz-Album seinen Sound.

Sein aktuelles Album ist Kitchen Music.

Thomas Siffling Trio: Kitchen Music
Thomas Siffling. Foto: Enja Records

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