Interview mit Ulrich Tukur
"Florian weiß in jedem Augenblick, was er will!"
Frage: Was für ein Mensch ist Ihr Oberstleutnant Anton Grubitz, macht er eine Entwicklung durch?

Ulrich Tukur: Grubitz ist der Archetyp des Karrieristen. Intelligent, gewissenlos, ehrgeizig und ohne jeden Charakter. In jedem System einsetzbar und effektiv, hat er seine Spuren verwischt und sitzt heute in der Chefetage einer westdeutschen Versicherungsgesellschaft. Er ist der lebende Beweis dafür, dass sich die Welt gleich bleibt.

Frage: Was haben Sie gedacht, als Sie das Drehbuch lasen?

Ulrich Tukur: Glänzend geschrieben! Hervorragend recherchiert, dramaturgisch exzellent gebaut, Dialoge geschliffen, keine Angst vor Gefühl, eines der besten deutschen Drehbücher, die ich je gelesen habe.

Frage: Sie spielen viel Theater und sind wählerisch, was die Auswahl Ihrer Filmrollen angeht. Was hat Sie bewogen, zuzusagen?

Ulrich Tukur: Wenn ein Zwei-Meter-und-acht-Schrank sich über dich beugt und dir aus luftigen Höhen zuruft, er hätte ein Drehbuch, da sei eine Rolle für dich drin und die müsstest du spielen ? was soll man da tun?

Frage: Wie haben Sie sich vorbereitet?

Ulrich Tukur: Ich habe den Text gelernt, ohne Mühe mit Mühe.

Frage: Wie war es, mit einem so jungen Regisseur zu arbeiten? Hat er stark geführt und eingegriffen oder sich eher auf seine Schauspieler verlassen?

Ulrich Tukur: Florian hat das, was ein guter Regisseur braucht. Phantasie, Geduld, Liebe zu Damen und Herren, die seine Ideen transportieren sollen, und er weiß in jedem Augenblick, was er will. Was er nicht hatte, war Geld, aber das sieht man dem Film nicht an.

Frage: Könnte dieser Film helfen, zu verstehen, was damals passiert ist?

Ulrich Tukur: Das glaube ich unbedingt. Es ist, denke ich, einer der wenigen filmischen Versuche, sich dem Leben in der DDR auf ernsthafte, substanzielle Weise zu nähern.

Die DDR war keine Komödie, und wenn sie auch nicht mit der ihr vorausgehenden Diktatur des Nationalsozialismus zu vergleichen ist, war sie in ihrer Essenz eben auch ein Unrechtsstaat, der die Würde vieler Bürger auf eine typisch deutsche, kleinkarierte, humorlose und oft bösartige Weise mit Füßen getreten hat.

Dass in dieser Enge und Dunkelheit viel menschliche Wärme, Mut und Herz existiert hat, auch das zeigt der Film auf sehr anrührende Weise, aber er spricht einen Staat nicht frei, dem Menschlichkeit immer abgetrotzt werden musste.


März 2006. Quelle: Buena Vista. Autor, Redaktion und Verlag sind nicht für die Inhalte externer Webseiten verantwortlich.
Ulrich Tukur. Foto: Buena Vista
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Infokasten:

Ulrich Tukur spielt in dem Film Das Leben der Andern den Oberstleutnant Anton Grubitz.

Ulrich Tukur wurde 1957 im hessischen Viernheim geboren. Er machte sein Abitur in Hannover und einen Highschool-Abschluss in Boston. Nach dem Studium der Germanistik, Anglistik und Geschichte in Tübingen jobbte er als Akkordeonspieler und Sänger.

Er absolvierte eine Schauspielausbildung an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart, wo er 1982 sein Theaterdebüt gab. Ein Engagement in Heidelberg folgte.

Der erste große Erfolg kam 1984 als ?Kittel? in Peter Zadeks inzwischen legendärer Inszenierung von ?Ghetto?. Am Hamburger Schauspielhaus stand er u. a. in ?Hamlet?, ?Julius Cäsar? und ?Lulu? auf der Bühne. Von 1999 bis 2001 war Ulrich Tukur der Salzburger ?Jedermann?.

Sein Filmdebüt gab der in Hamburg und Italien lebende Schauspieler in Michael Verhoevens Die Weiße Rose. Er sorgte als Andreas Baader in Reinhard Hauffs ?Stammheim? für Aufsehen, ebenso als junger Herbert Wehner in ?Wehner, die unerzählte Geschichte?. Er war der Retortenmann in dem Episodenfilm ?Felix?, spielte den Titelhelden in ?Bonhoeffer ? Die letzte Stufe? und Costa-Gavras Der Stellvertreter nach Rolf Hochhuth.

Über 60 TV- und Kinorollen gehen auf das Konto des auch international erfolgreichen Stars. Mit Harvey Keitel spielte er in ?Taking Sides ? Der Fall Furtwängler?, mit George Clooney in Solaris.

Im Fernsehen war Tukur u. a. in mehreren ?Tatort?-Folgen zu sehen. Seit kurzem abgedreht sind ?Das Schneckenhaus? sowie eine neue ?Rosa Roth?-Episode.

Der mit zahlreichen Auszeichnungen geehrte Künstler hat auch als Musiker auf sich aufmerksam gemacht: Ulrich Tukur nahm mehrere Alben auf und feierte große Erfolge als Sänger mit den "Rhythmus Boys".

Er gewann u. a. die Auszeichnungen Schauspieler des Jahres, Goldene Kamera, Insel-Kunstpreis Hamburg, Adolf-Grimme-Preis, Grace Prize Los Angeles und Deutscher Fernsehpreis in der Kategorie ?Bester Schauspieler Fernsehfilm? (für ?Das Böse?).

"Ein Gedanke, der bei mir jedes Mal aufkommt, wenn ich mit Ulrich Tukur zu tun habe, ist: ?Wenn ich erwachsen bin, will ich sein wie er!? Und ich habe viele gestandene Leute Ähnliches äußern hören. Ich kenne keinen herzlicheren, souveräneren, unabhängigeren Mann. Und kaum einen besseren Schauspieler. Ulrich Tukur wäre zu jeder Epoche ein Star gewesen. Sein Spiel hat etwas Zeitloses und extrem Freies. Für ihn ist der Umgang mit Kunst und Kultur so selbstverständlich wie seinen Hund Gassi zu führen. Und daher ist es ganz gleich, ob er komponiert, singt, Gedichte und Romane schreibt oder eben spielt ? es ist immer ein Kunsterlebnis, wie es einem kein anderer bescheren könnte." (Florian Henckel von Donnersmarck)


Ulrich Tukur. Foto: Buena Vista
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