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Interview mit Wiebke Lorenz "Frau Feldbusch ist der größte Rückschlag in der Geschichte der Emanzipation." |
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Frage: In Ihrem
Roman Was? Wäre? Wenn? erhält die Hauptfigur
Charly Maybach das verlockende Angebot, alle negativen Erlebnisse
aus ihrem Leben zu tilgen. Wie kamen Sie auf diese Idee?
Wiebke Lorenz: Ursprünglich hat sich der Roman aus meiner Kurzgeschichte "Lebenslaufbereinigung" entwickelt. Die Idee dazu hatte ich vor vier, fünf Jahren, als ich nach einer ziemlich heftigen Partynacht morgens aufwachte und dachte: 'Oh, wie peinlich, du hast dich bestimmt total daneben benommen, mit Fingern werden sie auf dich zeigen! Ich wünschte, ich könnte die Zeit zurückdrehen und den Abend ungeschehen machen.'
Wiebke Lorenz: Natürlich gibt es die eine oder andere Begebenheit, bei der ich mich nicht gerade mit Ruhm bekleckert habe oder die mir unangenehm ist. Und dass ich nach drei Jahren absoluter Abstinenz während der Arbeit am Roman wieder mit dem Rauchen angefangen habe, das würde ich auch gerne rückgängig machen. Insgesamt habe ich aber mittlerweile gelernt, mit meinen Fehlern zu leben und dazu zu stehen, wie ich bin. Das hat aber lange gedauert. Frage: Die Widmung in Ihrem Roman lautet 'für mich'. Ist das nicht etwas egozentrisch? Wiebke Lorenz: Kann sein. Aber es ist eben so, dass dieser Roman für mich mehr als einfach nur eine Geschichte ist. Für mich bedeutet Was? Wäre? Wenn? den Abschluss einer langen Phase, in der ich mich mit mir selbst rumgeschlagen habe. Das war oft schmerzhaft und hat viel Kraft gekostet. Frage: Auch Charly quält sich immer wieder mit Selbstzweifeln ... Wiebke Lorenz: Nicht nur Charly! Ich denke, sich so anzunehmen und zu mögen, wie man ist, ist eine der größten Aufgaben, vor der jeder steht. Und es ist einfach wahnsinnig schwierig, sich voll und ganz zu akzeptieren. Wer das geschafft hat, kann glücklich sein. Frage: Warum glauben Sie, dass es so schwierig ist? Wiebke Lorenz: Weil wir alle ja täglich einem gewissen gesellschaftlichen Druck ausgesetzt sind. Fast jeder fragt sich doch hin und wieder: Mögen mich die anderen? War das jetzt peinlich? Ist es richtig, was ich tue? Was denken andere über mich? Aber wenn das Überhand nimmt, macht einen das unfrei. Frage: Überhand? Wiebke Lorenz: Ja, ich kenne Menschen, die sich ständig fragen, wie sie von anderen bewertet werden, und sich deshalb in einer Weise benehmen, von der sie annehmen, dass sie gut ankommt. Anstrengend finde ich das. Vor allem Prominente haben es da schwer, die werden doch von den Medien rund um die Uhr beobachtet, jede Bewegung wird kommentiert und gedeutet. Da würde ich wahrscheinlich durchdrehen. Frage: Und was kann man dagegen tun? Wiebke Lorenz: Sich auf sich selbst und seine wirklichen Freunde besinnen. Es gibt da einen sehr schönen Spruch: 'Ich bestimme immer noch selbst, wie ich über mich denke.' Frage: Thema Prominente: Sie hacken ja ganz schön auf Verona Feldbusch herum. Wiebke Lorenz: Rumhacken würde ich das nicht nennen. Frage: Immerhin bezeichnen Sie sie in Was? Wäre? Wenn? als 'größten Rückschlag in der Geschichte der Emanzipation'! Wiebke Lorenz: Das stimmt. Frau Feldbusch hat in der 'Bild' mal gesagt: 'Ich hatte nur vier Männer.' Was soll das heißen? Ist die Anzahl der Männer, mit der eine Frau geschlafen hat, ein Qualitätsmerkmal? Das finde ich in der Tat rückschrittlich, kein Mann würde sich hinstellen und so etwas über sich behaupten. Frage: Also geht es Ihnen um die Gleichberechtigung? Wiebke Lorenz: Es geht mir darum, dass Frauen heute selbstbestimmt leben können, auch sexuell. Einerseits nutzen die Boulevardmedien jede Gelegenheit, um eine hübsche Frau barbusig auf dem Titel abzudrucken und damit die Auflage in die Höhe zu treiben. Andererseits werden sinnliche Frauen gerne mal als 'Luder' bezeichnet. Oder es wird darüber spekuliert, ob Gina Wild vielleicht deshalb noch keine Kinder hat, weil sie während ihrer Pornokarriere mit zu vielen Männern geschlafen hat - und auch da hat man dann wieder einen schönen Anlass, die böse, böse Gina Wild in freizügiger Pose zu zeigen. Diese Doppelmoral finde ich zum Kotzen. Frage: In Ihrem Roman spielt Musik eine sehr große Rolle. Das erinnert ein bisschen an Nick Hornbys "High Fidelity". Wiebke Lorenz: Musik kann in uns alle möglichen Gefühle wecken. Charly benutzt die Musik, um verschiedene Stimmungen zum Ausdruck zu bringen, sie hat zu jeder Situation den passenden Song. Aber sie flüchtet mit der Musik auch vor der Realität. Frage: Ihr Roman beginnt mit: 'Musik ist das Schlimmste. Musik verspricht Dinge, die das Leben nicht hält.' Empfinden Sie das wirklich so? Wiebke Lorenz: Meine Figur Charly ist dieser Meinung. Und deshalb muss sie ständig irgendwelche Musik hören, um sich ihren Alltag erträglicher zu machen. Frage: Eine Art 'Soundtrack' fürs Leben? Wiebke Lorenz: Ja, so könnte man das nennen. Ich glaube, fast jeder hat so einen Soundtrack. Manche Lieder erinnern uns an bestimmte Erlebnisse, an unseren ersten Kuss oder an den schlimmsten Liebeskummer. Ich mag zum Beispiel 'Sorry seems to be the hardest word' von Elton John nicht mehr hören, weil ich mal verlassen wurde, als dieses Lied gerade im Radio lief. Leider ist es ja vor kurzme noch einmal neu aufgenommen worden und wird seitdem wieder oft gespielt. Pech für mich. Musik spielt in meinem Leben eine sehr große Rolle. Wenn ich schreibe, suche ich mir auch immer ein passendes Stück, das dann den ganzen Tag in meinem Arbeitszimmer dudelt. Frage: Was war das bei Was? Wäre? Wenn?? Wiebke Lorenz: 'Don't let met get me' von Pink, weil es in diesem Song um eine Frau geht, die sich selbst nicht leiden kann und gern jemand anders wäre. Frage: Wer wären Sie denn gerne? Wiebke Lorenz: Wenn es um die Anzahl der verkauften Bücher geht: Joanne K. Rowling! Aber ansonsten bleibe ich lieber ich selbst. Frage: Sie sind ja sehr früh erfolgreich gewesen: Mit 26 der erste Roman, mit 28 der zweite, Sie waren noch keine 30 als Ihr erstes Drehbuch verfilmt wurde, und auch die Verfilmung von Was? Wäre? Wenn? ist bereits geplant. Hat dieser Erfolg Ihr Leben verändert? Wiebke Lorenz: Quatsch, ich bin ja kein Superstar. Sicher kann ich von meiner Arbeit ganz gut leben, aber ich fahre noch immer einen zerbeulten Twingo, kaufe meine Klamotten bei H&M und kriege Schweißausbrüche, wenn ich meine Kontoauszüge hole. Frage: Aber Sie werden doch sicher manchmal von Leuten angesprochen? Wiebke Lorenz: Nein, wirklich nicht. Als Autor ist man einfach nicht so bekannt. Oder können Sie mir jetzt auf Anhieb sagen, wie ein bestimmter Schriftsteller aussieht, oder wer das Drehbuch zum Film XY geschrieben hat? Ein Autor sitzt meistens in seinem stillen Kämmerlein und schreibt vor sich hin. Ziemlich unspektakulär. Wer reich und berühmt werden will, sollte es lieber als Rocksänger versuchen. Frage: In einer Band haben Sie immerhin auch mal gesungen. Wiebke Lorenz: Das stimmt. Wir sind über Stadtfeste getingelt und in drittklassigen Kneipen aufgetreten. War aber eine lustige Zeit. Frage: Keine Ambitionen mehr als Sängerin? Sie könnten sich doch bei Popstars bewerben! Wiebke Lorenz: Also dafür bin ich zum einen mit meinen 31 Jahren schon zu alt - außerdem befürchte ich, das wäre dann wirklich etwas, das ich hinterher lieber löschen lassen würde ... Oktober 2003. Autor, Redaktion und Verlag sind nicht für die Inhalte externer Webseiten verantwortlich. |
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